Vater plante: EPa, Panzerplatten und Tubenmarmelade

Mein Vater arbeitete beim Auswärtigen Amt (AA) in Bonn. Daher hatte er Zugang zu besonderen Vergünstigungen.
Nur wenige davon nutzte Günter Hanke. Eine aber nahm er jahrelang intensiv in Anspruch: Regelmäßig kaufte er günstig Waren von der „Einfuhr- und Vorratsstelle“ des Bundes.
Von solchen Einkäufen brachte er große Kartons voller Konserven mit. Darin befanden sich dann Erbsensuppe oder Linseneintopf, Gulaschsuppe oder gesalzene Margarine. Außerdem brachte er auch sogenannte „Epas“ mit.
Die Abkürzung „EPa“stand für „Einmann-Packung. Auch wenn diese Bezeichnung etwas Anderes suggeriert, waren darin keine Männer in Karton verschnürt, sondern je eine Tagesration für Soldaten der Bundeswehr. Verschiedenste Lebensmittel und Gebrauchsgüter des täglichen Bedarfs waren in einem kleinen braunen Karton verpackt, den die Soldaten bei Truppenübungen in ihrem Rucksack verstauten.
In so einer „EPa“ war eine Tube Marmelade, eine Tube Margarine, ein kleines Heftchen Streichhölzer und ein Erfrischungstuch enthalten. Daneben gab es darin ein Fergigmenü zum Aufwärmen und die sogenannten „Panzerplatten“. Diese legendären wie gefürchteten „Panzerplatten“ sollten als Brot dienen, waren aber wohl eher ein Testmodul für die Zahngesundheit der EPa-Konsumenten.
Zu den Produkten, die mein Vater von der „Einfuhr- und Vorratsstelle“ bezog, gehörten auch Fünf-Liter-Eimer voll Marmelade oder Himbeer- und Erdbeersaft. All diese Lebensmittel lagerte mein Vater im Vorratskeller, wo sich auch das „Eingeweckte“ meiner Mutter befand. Sorgfältig ordnete mein Vater die neuen Kartons immer unten und die älteren vornean oder obenauf, damit zuerst die alten Waren verbraucht wurden und dann die neueren.
Aufgabe der „Einfuhr- und Vorratsstelle“ war die Lagerung von Vorräten für Kriegs- und Krisenfälle. Regelmäßig wurden die Warenbestände „rotiert“, damit die Lebensmittel vor dem Ablauf ihrer Haltbarkeit konsumiert werden konnten. Beschäftigte bei Bundesbehörden konnten diese ausgesonderte Ware preisgünstig erwerben.
Für die Familie Hanke war diese Einkaufsmöglichkeit, die nur in bestimmten Abständen bestand, sehr erfreulich. Angesichts meiner sieben Geschwister waren meine Eltern auf günstige Lebensmittel und auch auf eine gewisse Bevorratung angewiesen. So gehörten die Dosen bei uns zum Alltag, wobei sich besonders die gesalzene Margarine großer Beliebtheit erfreute.
In meiner Heimatstadt Bonn arbeiteten sehr vile Bewohner bei Bundesbehörden oder Ministerien. Darum kannten auch viele meiner Schulkameraden die Waren der „Einfuhr- und Vorratsstelle“. Die „EPas“ wiederum kannten fast alle jungen Männer, da in meiner Kindheit und Jugend in Deutschland noch eine „Wehrpflicht“ bestand und das Gewissen von Kriegsdienstverweigerern sehr streng „geprüft“ wurde.
Das Leben in den 60er und 70er Jahren war noch nicht so vom Überfluss geprägt wie spätere Jahre. Besonders wir als „kinderreiche Familie“ mussten durchaus auf jeden Groschen und Pfennig achten.
Trotzdem fuhren meine älteren Brüder und ich einige Jahre lang im Sommer während der „Großen Ferien“ in ein Kinderheim im Sauerland. Auch dort sah ich die Fünf-Liter-Blecheimer mit Marmelade und Saft. Was mich im Ferienheim jedoch entsetzte, das waren riesige grünliche Kartons voller Tuben mit ekligem Lebertran.

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