Quengeln im Doppelpack: Zuletzt gebar meine Mutter Zwillinge

Im Februar 1967 gebar meine Mutter ihr sechstes Kind. Nur acht Monate danach wurde sie erneut schwanger.
Für unsere – damals noch achtköpfige – Familie war die Doppelhaushälfte im Bonner Vorort Lessenich längst zu eng geworden. So zogen wir im Februar 1968 um auf den Venusberg. Aus dem Haus mit fünf Zimmern machte mein Vater durch Aufteilung eines Zimmers mit Hilfe einer Sperrholzwand und Ausnutzung der Waschkküche als Wohnraum eine Sieben-Zimmer-Wohnung.
Im Mai 1968 kamen dann die Zwillinge zur Welt. Die Sieben-Monats-Kinder hat die Kinderklinik in Dottendorf zunächst im Brutkasten aufgepeppelt. Als sich ihre Geburt herumsprach in der Nachbarschaft, da waren die meisten Menschen total aus dem Häuschen.
Mit ihrem Zwillingskinderwagen erregte meine Mutter überall Aufsehen. Da wir keineigenes Auto besaßen, musste sie überallhin mit dem Linienbus fahren. Die Obusse auf der Linie 16 besaßen an den beiden breiten Türen jedochh eine Mittelstange, sodass sie mit dem großen Kinderwagen nicht einsteigen konnte in diese Fahrzeuge.
Einmal jede Stunde fuhr jedoch ein Bus der Linie 28 von Röttgenüber Ippendorf und den Venusberg in Richtung Bahnhof. Über die sogenannte „Haarnadel“ – einen halbhohen Handlauf in der Mitte der mittleren Tür –
konnten wir den Kinderwagen in diese Busse der Marke Büssing hineinheben. Unser Familienhobby erwies sich in dieser Situation als überaus vorteilhaft, kannten meine Brüder und ich damals doch alle Fahrpläne und Bustypen ganz genau.
Zu unserem großen Bedauern stellten die Stadtwerke Bonn (SWB) den Obusbetrieb im Sommer 1971 ein. Zu diesem Zeitpunkt brauchten wir den breiten Kinderwagen indes nicht mehr, denn die Zwillinge waren bereits drei Jahre alt und konnten auf eigenen Beinen umherlaufen.
Als Frühgeburten waren sie allerdings etwas schwächlich. Darum verdonnerten meine Eltern mich in den Sommerferien zum „Minidienst“. Als „Minis“ bezeichnete unsere Familie die Zwillinge und ihren ein Jahr älteren Bruder.
Eine DM pro Tag versprachen meine Eltern mir als Lohn für die Kinderbetreuung. In den Sommerferien 1971 und 1972 konte ich so jeweils 50 DM verdienen. Das war für mich sehr viel Geld.
Jeden Tag ging ich mit meinen drei jüngsten Brüdern im Wald spazieren Mal wanderten wir rund um das Klinikgelände oder ein anderes mal zur Aussicht am Restaurant „Casselsruhe“ und dann einmal rund um den Sendemast des Westdeutschen Rundfunks (WDR) herum. Bald kannten wir alle vier jeden Baum und jeden Stein auf dem Venusberg in- und auswendig.
Wurde Einem der Zwillinge der Weg zu weit, bat er mich mit Quengelnder Stimme: „Kannst Du mich tragen?“ Dann hob ich ihn auf meine Schultern, bis er mir zu schwer wurde und ich ihn wieder absetzen musste.
Kaum hatte ich einen Zwilling abgesetzt, da fragte der Zweite: „Kannst Du mich tragen?“ Wenn ich dihn ann völlig ermattet absetzte, quengelte der größte der drei „Minis“.
Der „Minidienst“ war sehr anstrengend. Andererseits war es eine erfüllende Aufgabe, die mir ein ordentliches Taschengeld einbrachte. Was ich über dieser Beschäftigung mit kleinen Kindern allerdings erst einmal verpasste, war die nähere Beschäftigung mit dem anderen Geschlecht.

Ein Kommentar zu “Quengeln im Doppelpack: Zuletzt gebar meine Mutter Zwillinge

  1. Pingback: Kinderreich im Kinderreich: Ich hatte sieben Geschwister | Franz-Josef Hanke

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.