Franz-Josef auf dem Balkon: Ein Tag zu Zeiten von Covid 19

Am oberen Ende des Leckergäßchens rattert eine Baumaschine. Vom Nachbargarten her dringt der Duft frischer Frühlingsblüten an meine Nase.
Auf meinem Balkon herrschte am Sonntag (5. April) noch himmlische Ruhe. Einen tag später stört die Baumaschine den Frieden. Dafür sind aber auch kaum Leute in den Nachbargärten.
Jeden Tag möchte ich wenigstens eine halbe Stunde auf dem Balkon in der Sonne sitzen. Bei einer Tasse heiße Zitrone tue ich etwas für mein Gemüt und meine Gesundheit.
Eine Viertelstunde laufe ich durch die Wohnung vom Wohnzimmer zur Küche, dann wieder ins Wohnzimmer und zurück zum Arbeitszimmer sowie von dort aus zum Schlafzimmer. Mehrmals mache ich diesen Weg in unterschiedlichen Varianten, damit ich trotz der selbstgewählten Isolation in Bewegung bleibe. Meine Mitbewohnerin hat sich bei mir eingehakt und geleitet mich hin und her.
Am Mittag habe ich mich bei der Pressekonferenz des Hessischen Sozialministers Kai Klose eingewählt. 40 Minuten lang erfahre ich alles Wissenswerte zum aktuellen Stand über das coronavirus. Inzwischen sind in Hessen 64 Menschen an Covid 19 gestorben.
Trotz einer Verdoppelung der Tests geht die Zahl der Neuinfektionen täglich ein wenig zurück. Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin erwartet den Höhepunkt der Pandemie in Deutschland in der Woche nach Ostern.
Dennoch verschickt das Kulturzentrum „Waggonhalle“ bereits ein Veranstaltungsprogramm für Mai 2020. „Unter Vorbehalt“, schreibt das Team ausdrücklich dazu, aber ich empfinde diesen Versand als ausgesprochen ignorant. Wer jetzt schon Erwartungen anheizt, hat die Dramatik der Pandemie nicht verstanden.
Eine Gruppe von Wissenschaftlern aus Marburg forderte bereits die sofortige Aufhebung aller Einschränkungen. Die Regelungen bezeichnete sie als „Kollektivstrafe“. Auch diese Forderung macht mich fassungslos, zumal ich einige der Unterzeichnendengut kenne und schätze.
Hans-Christian Ströbele hingegen warnt vor einer „Aussonderung“ alter und behinderter oder kranker Menschen. Sollte dergleichen beschlossen werden, werde er sofort zum Bundesverfassungsgericht (BVerfG) gehen, kündigte er an. Entweder trügen alle gemeinsam die Lasten der Pandemie, oder es werde eine Entsolidarisierung auf Kosten der Schwächeren stattfinden, bemerkte dazu mein Asthma-kranker Kumpel erbost.
Eine Demonstration der „Seebrücke“ für eine Aufnahme von Bewohnern der Flüchtlingscamps in Griechenland hat die Frankfurter Polizei aufgelöst, obwohl die 300 Teilnehmendenden Zwei-Meter-Abstand einhielten. Eine Journalistin wurde in Handschellen abgeführt. Solche Aktionen tragen nicht gerade dazu bei, das notwendige Vertrauen in die Behörden zu fördern.
Viele Menschen aus meinem Umfeld leidenan Vorerkrankungen oder einer Behinderung, an Agoraphobie oder einer Posttraumatischen Belastungsstörung(PTBS). Vergleichsweise stabil binich mit meinem angeborenen oder ererbten und später durch Lebenserfahrung mehr undmehr gefestigten Optimismus. Bisher habe ich schließlich noch immer irgendwie das beste aus jeder noch so bescheuerten Situation gemacht.
Am Morgen war dieser Optimismus aber doch kurzzeitig ins Wanken geraten. Beim Hochlaufen wollte mein Computer nicht so wie ich. Surfen im Internet war darum nur sehr eingeschränkt möglich.
Glücklicherweise fand ich schnell meine stoische Gelassenheit wieder und legte michnoch einmal für zwei Stunden ins Bett. Danach rief ich Jens Bertrams an, der mir den entscheidenden Rat zur Wiederherstellung meines PCs gab. Auf den hätte ich auch selber kommen können, aber bei einer gefühlten Katastrophe denkt man nicht immer an das Naheliegendste.
Allmählich nähert sich der Abend; und ich ziehe Bilanz: Dieser Tag begann mit einem Schreckenund endete dann doch glimpflich. Irgendwie werde ich es schaffen, Ruhe zu bewahren und Gelassenheit zu demonstrieren.
Das bin ich den Menschen schuldig, die auf meinen Optimismus bauen. Jeden Tag rufe ich zwei oder drei Menschenan, denen es gerade dreckig geht. Wie froh bin ich, dass ich diese rheinische Frohnatur von meiner Mutter geerbt habe!