Silberlocke mit Format: Richard von Weizsäcker oder „Regierender Richie“

Bis auf den ersten und den jetzigen bin ich allen Bundespräsidenten einmal irgendwo und irgendwie begegnet. Richard von Weizsäcker war einer meinder beiden Favoriten.
Geboren wurde er am 15. April 1920 in Stuttgart. Sein Vater war Staatssekretär im Auswärtigen Amt unter dem Außenminister Joachim von Ribbentrop. Ihn hat der Sohn bei den Nürnberger Prozessen 1946 verteidigt.
Persönlich begegnet bin ich dem „Alt-Bundespräsidenten“ 2009 bei der Leipziger Buchmesse. Dort las er aus seinem Buch „Der Weg zur Einheit“. Allerdings erzählte der damals 89-jährige Weizsäcker eher muntere Anekdoten zu seinen Erlebnissen beim Mauerfall 1989, als etwas vorzulesen.
Allein sei er am Abend des 9. November 1989 auf die Sektorengrenze in Berlin zugegangen, berichtete er. Ein DDR-Grenzpostenhabe salutiert und seine Frage, ob die Grenze nun wirklich geöffnet sei, geantwortet: „Jawohl, Herr Bundespräsident!“ Leider habe er diesen Mann später nicht mehr ausfindig machen können, bedauerte Weizsäcker.
Er erzählte von seinem „Freund“ Wazlaw Havel, der mit ihm aus einer Badewanne in der Prager Burg telefoniert habe. Das sei damals der einzige Ort gewesen, wo der tschechische Präsident ungestört telefonieren konnte, erklärte Weizsäcker. Auch nach ihrem Ausscheiden aus den Ämternblieben beide einander und den friedensstiftenden Pflichten wirklicher „Staatsmänner“ treu.
Nach dem Ende der „Lesung“ wollten meine Ehefrau Erdmuthe Sturz und ich ihm für seinen Vortrag danken. Im Vorbeigehen schüttelte er uns beiden die Hand und murmelte etwas von „eilig“. Dann war er mit einem Tempo verschwunden, das man einem 89-jährigen Greis kaum zugetraut hätte.
Unvergessen ist mir sein Auftritt in der Fernsehtalkshow „Leute“ im Jahr 1983.Die Übertragung aus dem Café Kranzler am Berliner Kurfürstendamm moderierten Gisela Marx und der geniale Wolfgang Menge. Aus dem Publikum heraus sprach der unvergessene Kabarrettist Wolfgang Neuss den damaligen Regierenden Bürgermeister an und nannte ihn „Häuptling Silberlocke“ und „Regierender Richie“.
Bekannt geworden war Neuss in den 50er Jahren. Später durch Drogenkonsum ziemlich heruntergekommen, prägte er den legendären Satz: „Auf deutschem Boden möge nie wiedder ein Joint ausgehen.#“
Ein Gebiss wolle er sich erst dann kaufen, wenn er wieder was zu lachen habe, verkündete Neuss. Gerüchten zufolge hat Weizsäcker ihn finanziell unterstützt und dabei geholfen, dass Neuss nicht gänzlich zugrunde geht.
Seine Familiengeschichte und die Kriegserlebnisse haben Weizsäcker geprägt. Der Tod seines Bruders Heinrich im 2. Weltkrieg war für ihn ein wichtiger Grund, der faschistischen Kriegspropaganda zu misstrauen. Auf seine eigene –
sehr intellektuelle – Art hat er sich mit der deutschen geschichte auseinandergesetzt.
Die berühmteste Rede eines deutschen Bundespräsidenten hat Weizsäcker am 8. Mai 1985 gehalten. Damals hat er den Jahrestag als einen „Tag der Befreiung“ bezeichnet und vielen konservativen Menschen klar gemacht, was für ein mörderisches Regime der Hitler-Faschismus war. Diese Rede hat mich damals beeindruckt; und sie beeindruckt mich noch heute.