Nur Mut und Mund auf: Meine Lehrerin war eine Faschistin

„Rote Haare sind ein Zeichen von schlechtem Charakter“, sagte die Lehrerin. Dabei blickte sie meine rothaarige Mitschülerin an.
„Das ist eine Unverschämtheit“, erwiderte ich erbost. Meine Mitschülerin wurde nun auch unterhalb ihrer Haare rot. Auch die Lehrerin nahm eine ähnliche Farbe an.
Normalerweise war diese Lehrerin braun. Diese Farbe war allerdings politisch aufgrund ihrer Gesinnung zu bestimmen. Die Lehrerin war ene echte Alt-Nazi.
Ihr Ehemann war Soldat bei der Bundeswehr. Bei der Bundestagswahl 1969 kandidierte er in Bonn für die NPD. Seine Ehefrau teilte seine politischen Auffassungen.
Als unser Englischlehrer zur Deutschen Schule in Bagdad ging, erfuhren wir, dass diese Nazi-Lehrerin den Kurs übernehmen sollte. Mit 24 Nein-Stimmen bei zwei Enthaltungen stimmten wir dagegen, dass sie uns unterrichten sollte. Doch der Direktor drückte sie uns dennoch auf´s Auge.
Unser scheidender Lehrer setzte sich erfolglos für uns ein. „Sie sind ja ein Rebell“, meinte der Direx daraufhin zu ihm. Der CDU-Wähler war jedoch nur ein anständiger Demokrat und Christ.
Ganz im Gegensatz dazu war die neue -in ihrer Gesinnung eher 1.000 Jahre alte – Englischlehrerin eine Rassistin und Faschistin. Natürlich wusste sie, dass dieser Kurs sie ablehnte. Daher setzte sie ihre Stiche meist in Form kleiner Spitzen gegen Schüler, die sie sozialdemokratischer Haltungen verdächtigte.
SPD gewählt hättenwahrscheinlich 22 von uns, wenn wir denn schon hätten wählen dürfen. Aber wir hattenweder die Wahl zum Deutschen Bundestag noch die unserer Englischlehrerin. Die meisten saßen also resigniert im Unterricht und schwiegen.
Ich jedoch konnte das einfach nicht. Zu tief saßen bbei mir die Verletzungen, die diese Frau mir zugefügt hatte und tagtäglich zufügte. Von einer guten „2“ versuchte sie, meine Englischnote so weit wie möglich nach unten zu drücken.
Dabei nutzte sie meine einsetzende Sehbehinderung auf hinterhältige Weise aus. Während alle anderen Lehrkräfte am Helmholtz-Gymnasium Rücksich auf mich nahmen und mir einenPlatzdirekt vor der Tafel gaben, setzte sie mich irgendwo an die Seite. Zu meinem Glück saß direkt vor meinen Augen die schönste Mitschülerin, deren blondes Haar im Gegenlicht schimmerte und dadurchmein gequältes Herz erwärmte.
„Du bist ja mutig“, sagte die rothaarige Mitschülerin zu mir. Ale anderen pflichteten mir bei. Derweil bemühte ich mich vergeblich, meine handschriftlichen Hausaufgaben lesbar zu Papier zu bringen.
Boshaft las die Lehrerin alle möglichen Fehler aus meiner Handschrift heraus, diesie nur irgndwie hineininterpretieren konnte, wenn meine behinderungsbedingte Sauklaue nicht eindeutig genug ausgefallen war. Meine mündliche Note drückte sie dadurch nach unten, dass sie meine Wortmeldungen geflissentlich ignorierte und mich immer dann fragte, wenn das Thema schwer und mein Gesichtsausdruck ermüdet war.
Der Widerworte konnte ich mich trotzalledem nicht enthalten. Ich ergriff Partei für alle Mitschülerinnen und Mitschüler, die sie irgendwann zu Unrecht oder mit zweifelhaften Vorhaltungen angriff. Mit dieser Frau stand ich auf „Kriegsfuß“.
Meinem Vater verdanke ich die antifaschistische Grundhaltung. Als einziger an seiner ganzen Schule in Danzig war er nicht in der Hitler-Jugend. Das hatte sein Vater ihm so aufgegeben; und diese Erfahrung der Menschenverachtung des Hitler-Faschismus gab er an seine Kinder weiter.
Eine Faschistin, die aus Siebenbürgen stammte und in Heimatphantasien schwelgte, war das genaue Gegenteil zu meinem Vater, der aus Danzig stammte und die schönen Erinnerungen an seine Jugend dort immer mit der Anerkennung der Leistungen polnischer Restauratoren in seiner geliebten Heimatstadt verband. Die Nazi-Lehrerin lächelte immer, wenn sie ihrem Gegenüber mit leiser Stimme und leichtem Lispeln die boshaftesten Spitzenentgegensäuselte.
Drei Dinge hat mich diese Faschistin allerdings gelehrt: Ich habe gelernt, mich zu wehren. Ich habe gelernt, mich für Gerechtigkeit einzusetzen; und ich habe gelernt, den Mund aufzumachen.

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