Wenn die Demokratie schwach wird: The Age of Triage

„Der Zustand einer Gesellschaft zeigtsich an ihrem Umgang mit den Schwächsten“, hat Lebenshilfe-Gründer Tom Mutters gesagt. Zu Zeiten von Covid 19 bewahrheitet sich diese Erkenntnis auf traurige Weise.
Erfreulich viel Solidarität prägte das Bild der Pandemie in den Anfangstagen. Sicherlich ist diese Grundhaltung immer noch nicht vorbei. Unter sehr eingeschränkten Bedingungen demonstrieren viele Menschen für die Aufnahme geflüchteter Mitmenschen aus engen und damit lebensgefährlichen Lagern in Griechenland und anderswo.
Dennoch mehren sich auch Egoismus und ruppige Verhaltensweisen. Bei Diskussionen beweisen einige Zeitgenossen wenig Bereitschaft zu differenzierter Auseinandersetzung. Offenbar liegen die Nerven bei vielen blank.
Allerdings ist es auch kein Wunder, dass viele Menschensehr beunruhigt sind. Das gilt für ältere Menschen undinsbesondere Bewohner von Heimen ebenso wie für Behinderte und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Ihre berechtigten Bedürfnisse und Befürchtungen werden bei den öffentlichen Debatten leider oft übergangen.
Einige jüngere meinten, man könne den Alten doch eine strikte Quarantäne verordnen; und alles sei gut. Übersehen haben sie dabei allerdings, dass auch 14 Prozent der Personen unter 27 Jahren an schweren Verläufen von Covid 19 leiden und in Deutschland etwa 10 Prozent der Intensivpatienten jeglichen alters daransterben. Die „alten Säcke“ scheinen manchen Ballast zu sein, wo ein menschenwürdiges Leben nicht mehr wichtig ist.
Gebärdendolmetscher bei Pressekonferenzen des Gesundheitsministers waren auch keine Selbstverständlichkeit für den Bundesminister Jens Spahn. Stattdessen hat er ein Gesetz durchgezogen, das beatmungspflichtige Behinderte in Heime abschieben soll.
Aufgrund von Hinweisenaus meinem Bekanntenkreis hatte ich darauf aufmerksam gemacht, dass es für einige Asthmakranke oder Menschen mit Agoraphobie sehr schwierig bis geradezu unmöglich ist, Gesichtsmasken zu tragen. Auch Hörbehinderte und Gehörlose leiden unter der nun verhängten Maskenpflicht, die das Lippenlesen erschwert oder unmöglich macht. Die anfängliche Empfehlung, Masken zu tragen, wurde dennoch in eine – in manchen Bundesländern mit Bußgeld belegte – „Maskenpflicht“ umgewandelt.
Zwar hat sich das Bild auf Straßen und in Supermärkten nun deutlich verändert, doch ist die Reproduktionsrate nach den letzten „Lockerungen“ nun wieder – von beim Tiefststand 0,7 – auf 1,0 angestiegen. Manche meinen möglicherweise, mit Masken seien sie au der „sicheren seite“ und könnten sich kaum mehr anstecken Abstand ist jedoch immer noch unerlässlich, um die Zustände nicht ins katastrophale Maß abgleiten zu lassen, unter dem Norditalien, Spanien, Frankreich und die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) zu leiden hatten und haben.
„Lockerungen“ sind in aller Munde. Von Tourismuswirtschaft bis zur betrügerisch luftverpestenden Autoindustrie gieren alle lautstark nach Geld entweder durch Öffnung ihrer Geschäfte und geschäftsmöglichkeiten oder durch staatliche Zuwendungen. Kinder, Alleinerziehende, Menschen in engen Wohnungen und Frauen in gewaltträchtigen Beziehungen werden zwar als Gründe für notwendige Lockerungen genannt, doch „geholfen“ wird Baumärkten und Möbelgeschäften sowie der klimaschädlichen Luftfahrtindustrie.
Noten sind den Kultusministern wichtiger als die Not der Jugendlichen, die ein Abitur machen sollen unter dem Druck zwischen Angst um ihre Zukunft und um ihre Lieben. Dabei könnten die Vornoten doch ein Abitur retten, das ohnehin unter Umständen stattfindet, wo die jungen Menschen wahrscheinlich mehr für ihr Leben lernen als jemals in irgendeiner Schule.
Spahn hat angekündigt, er wolle die Krankenhäuser nun wieder vom „Notbetrieb“ in den „Normalzustand“ überführen. Die Vorsorge für eine mögliche Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 wischt er nun offenbar vom Tisch. Will er Gesundheit etwa wieder zur Ware machen, die Gewinne einbringen und Dividenden ausschütten soll für aktionäre?
Gleichzeitig sind viele ältere und behinderte Menschen beunruhigt über Debatten zur sogenannten „Triage“. Mir ist dieses Wort noch aus den frühen 80er Jahren bekannt, als wir vom AStA-Friedensreferat eine „Triage“-Aktion auf dem Marburger Rudolphsplatz durchgeführt haben. Sie richtete sich gegen die medizinische „Auswahl“ behandlungsbedürftiger Menschen im Fall eines Kriegs.
Nach den erschütternden berichten aus Bergamo, wo Ärzte nicht alle Infizierten behandeln konnten und entscheiden mussten, wer an eines der wenigen Beatmungsgeräte angeschlossen wirdoder einen der rarenIntensivplätze bekommt, ist die „Triage“ nun auch in Deutschland zum Thema geworden. Medizinische Gesellschaften gliedern behandlungsbedürftige Patienten in neun Kategorien ein,nach denen im Notfall eine Auswahl zu treffen sei. Die Bundesregierung schweigt zu alledem.
„Kein Mensch darf über das Lebensrecht eines anderen Menschen entscheiden.“ Dieser Grundsatz ist die grundgesetzlich garantierte Verpflichtung aller Behörden nach dem Artikel 1 zur Wahrungder Menschenwürde als oberstes Ziel aller staatlichen Entscheidungen. In seinem Urteil zum sogenannten „Luftsicherheitsgesetz“ hat das Bundesverfassungsgericht diesen Grundsatz eindringlich bekräftigt.
Demnach ist es Pflicht aller staatlichen Organe, eine Situation zu vermeiden, die eine „Triage“ notwendig machen könnte. Statt über „Triage“ zu diskutieren, sollten Medizinische Fachgesellschaften über die nötigen Strukturen zur Wahrung der medizinischen Behandlungskapazitäten nachdenken und dann an deren Sicherstellung arbeiten. Alles andere erschüttert mein Vertrauen in die Medizin und den „hyppokratischen Eid“.
In Frankreich sei in den letzten Wochen unterbunden worden, dass Menschen aus Pflegeheimen in Krankenhäuser gelangen, las ich in einem Bericht. Wer wird nach solchen Berichten jemals freiwillig in ein Pflegeheim gehen?
Wenn das Lebensrecht alter und behinderter Menschen in Frage gestellt wird, dann herrscht wieder der Ungeist des menschenverachtenden Faschismus. Dann ist die Demokratie endgültig am Ende. Wer solche verängstigenden debatten und vor allem den utilitarischen Ungeist dahinter zulässt, gibt die demokratische Grundordnung auf.
Ich möchte leben. Ich möchte nicht über mein Lebensrecht diskutieren. Das sollte für alle selbstverständlich sein, dass wir alle nur dann überleben werden, wenn wir es miteinander in Solidarität angehen.