Zum Tag der Pressefreiheit: Corona kann auch eine Chance sein

Der 3. Mai ist der Internationale Tag der Pressefreiheit. Nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie ist sie auf der ganzen Welt heftig unter Druck geraten.
Umso wichtiger ist in diesen Zeiten eine seriöse und zugleich kritische Berichterstattung. Mitunter gerät das zu einem wahren Drahtseilakt. Informieren müssen Medien schließlich auch über Vorgäge und Ereignisse, die Menschen möglicherweise beunruhigen könnten.
Berichten müssen Medienschaffende über die Krankheit Covid 19 und ihre möglichen Folgen. Dabei müssen sie auch klar vermitteln, dass viele Auswirkungen des Coronavirus SARS-CoV-2 noch nicht bekannt sind. Langzeitwirkungen können noch gar nicht erforscht sein, da das Virus kaum mehr als ein halbes Jahr in seiner jetzigen Form existiert.
Insofern sind auch Meinungsänderungn von Wissenschaftlern wie Politisch Verantwortlichen notwendiger Bestandteil einer seriösen Auseinandersetzung mit Covid 19. Forderung nach „verlässlichen Daten“ für eine Lockerung hingegen sind zwar verständlich, können logischerweise aber nicht seriös erfüllt werden. Da die Ausbreitung des Virus vom Verhalten vieler Menschen abhängt, können Lockerungenauch nur in Abhängigkeit von den Auswirkungen dieses Verhaltens erfolgen.
Kritik an Maßnahmen muss ebenfalls eine Bühne in den Medien finden. Vor Allem die Einschränkung von Grundrechten in einer dermaßen weitgehenden Form muss immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden. Sorge um die freiheitliche Demokratie ist keine Panikmache.
Debatten über eine „Triage“ sollte seriöser Journalismus aber als Ausdruck der Kapitulation vor der Pandemie ausweisen. Wer seine Zeit damit verbringt, Personen aus der Solidarität der Gesellschaft auszugrenzen und ihre Freiheitsrechte oder gar ihr Lebensrecht in Frage stellt, der lenkt seine Aktivitäten damit nicht auf die humanitäre Kernaufgabe, Versorgungskapazitäten aufzubauen und nachhaltig zu sichern. Ebenso gehören all diejenigen in die öffentliche Kritik, die – wie die Akademie „Leopoldina“ oder die Bertelsmann-Stiftung – eine Schließung von Krankenhäusern und eine Verringerung der Bettenzahl vorgeschlagen haben oder – wie das Land Hessen unter einer CDU-FDP-Landesregierung – das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) unter zweifelhaften Bedingungenan einen privaten „Investor“ verscherbelt haben.
Das Lebensrecht und die Menschenwürde schließlich darf ein humanistischer Journalismus gegeneinander ausspielen, weil beides einander bedingt. Wessen Lebensrecht in Frage gestellt wird, dessen Menschenwürde ist bereits mit der Diskussion darüber angegriffen worden. Wessen Menschenwürde eingeschränkt wird, dessen Leben verliert damit zumindest an Qualität.
Viele Einschränkungen dürfen deswegen nur auf dem Prinzip von Einsicht in die Notwendigkeit und anschließendem freiwilligen Verzicht beruhen. Da allerdings manche Menschen offenbar zu wenig Empathie oder zu wenig Hirn besitzen, geht es in Krisen leider nicht ganz ohne gesetzliche Regelungen. Sie müssen jedoch die Freiheitsrechte der Bevölkerung so gering wie irgend möglich antasten, dabei so plausibel wie möglich begründet sein und zeitlich sowie im Ausmaß ihrer Wirkung auf das absolut unvermeidliche Maß begrenzt sein.
Dieser verfassungsmäßige Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gilt auch – und gerade – in Krisenzeiten. Das sollte verantwortungsbewusster Journalismus immer wieder transportieren und alle gesetzlichen Verfügungen dementsprechend hinterfragen.
In allzuuvielen Ländern haben machtgierige Politiker die Corona-Pandemie zum Ausbau ihrer persönlichen Befugnisse missbraucht. Dieser „Putsch“ in Ländern wie Ungarn darfaber nicht dazu führen, dass rechtsextreme Pandemie-Populisten mit sogenannten „Hygiene-Demos“ auf dem Rosa-Luxemburg-Platz vor der „Volksbühne“ in Berlin viel Raum und Aufmerksamkeit in Fernsehen und anderen Publikationen finden, selbst wenn sie mit angeblich „linken“ Verschwörungsideologen eng an eng eine ignorante Querfront bilden. Der Respekt vor den Toten der Pandemie verlangt, dass die Leugnung ihrer Gefährlichkeit mit den eindeutigen Argumenten und Zahlen der sogenannten „Übersterblichkeit“ entgegengestellt wird.
Angst ist ein schlechter Ratgeber. Ohnmachtsgefühle machen Menschen anfällig für Verschwörungsmythen. Dagegen helfen auch aufklärende Berichte und Hintergrundfakten nur wenig.
Ein wichtiges Ziel verantwortungsvollen Journalismus ist daher die Berichterstattung auch über alle Chancen, die die derzeitige Situation eröffnet. Von der gigantischen Welle der Solidarität über den Einfallsreichtum vieler Kulturschaffender bis hin zu den Möglichkeiten eines ökologischen Umbaus der Wirtschaft hin zu mehr Klimaneutralität reichen die Themen, die jetzt auf der Agenda stehen. Zu diesen Themen gehören zweifellos aber auch die Arbeitsbedingungen von Journalistinnen und Journalisten, ihr persönlicher Schutz und ihre Freiheit, auch über Dinge kritisch zu berichten, die manchen Mächtigen nicht gefallen.