Ein Stich mitten ins Herz: Gedanken zum 5. Mai

„Jeder mensch macht mal ´nen Fehler“, meint die Beamtin. Damit verweist sie meine Forderung nach barrierefreier Information in die Rubrik „Kavaliersdelikt“.
Für mich ist es jedoch kein Kavaliersdelikt. Immer für seine Rechte kämpfen zu müssen, ist auf Dauer nicht nur ermüdend, sondern auch überaus ärgerlich. Würde jemand die gleiche Entschuldigung wählen, wenn er einem Mitmenschen mit einem Messer versehentlich ins Herz gestochen hätte?
Mich trifft ausgrenzendes Verhalten wie das der Fachdienstleiterin einer marburger Dienststelle ins Herz. Eine solche „Entschuldigung“ zeigt mir, dass die städtische Bediente Inklusion nicht wirklich ernst nimmt. Offenkundig hat sie nicht wirklich verstanden, wie es ist, wenn ein Mensch sich an den Rand gedrängt und ausgegrenzt erlebt.
„Behindert ist man nicht; behindert wird man“, sagte ein Slogan der Behindertenbewegung vor Jahren schon. Am „Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen“ erinnern Betroffene daran, dass das Menschenrecht auf Inklusion längst noch nicht verwirklicht ist. Im Alltag und vor allem im Beruf werden Menschen mit einer Behinderung nach wie vor massiv ausgegrenzt und an den Rand gedrängt.
Die Covid-19-Pandemie tut ein Weiteres: Angesichts begrenzter Beatmungsplätze oder fehlender Krankenhausbetten für eine Intensivbehandlung debattieren Medizyniker über die sogenannte „Triage“. Dabei denken sie laut darüber nach, wer bei knappen Ressourcen behandelt werden soll und wer nicht.
Behinderungen sind dabei ein wesentlicher Ausschlussgrund. die Ideologie vom angeblich „lebensunwerten Leben“ des Nazi-Faschismus feiert fröhliche Urständ.
Allein schon die Diskussion über mein Lebensrecht beängstigt mich. Kein Mensch hat das Recht, über mein Lebensrecht zu diskutieren!
War es vor vielen Jahren der sogenannte „Bioethiker“ Peter Singer, der behinderte Babys selbst noch nach der Geburt töten wollte, so sind es heute katastrophal unüberlegte Katastrophenmediziner, die das Lebensrecht anderer Menschenzur Diskussion stellen. Stattdessenist es die erste und vornehmste Pflicht aller medizinisch Tätigen und aller politisch oder behördlich Verantwortlichen, für ausreichende Versorgungskapazitäten in Krankenhäusern, Pflegeheimen und anderen lebenswichtigen Einrichtungen der Daseinsvorsorge zu sorgen.
„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Für die Aufnahme dieses Satzes ins Grundgesetz haben viele Behinderte jahrelang gekämpft. Nun werden wir wieder gemeinsam dafür kämpfen müssen, dass unser erfolgreicher Kampf kein Papiertiger bleibt.