Stunde 0: Familie Esser zog in den Hexenturm

Der Bürgermeister wollte die Stadt vor den heranrückenden Truppen verteidigen. Mein Großvater wollte seine Familie schützen.
Als Alliierte Einheiten im Frühjahr 1945 auf Rheinbach vorrückten, flüchtete mein Großvater mit Frau und Kindern. In einem Heuschober abseits der Dörfer suchte er Zuflucht. Die Greuel des Krieges kannte Josef Esser nur zu gut aus seiner Zeit als Soldat im 1. Weltkrieg.
Nur wenige Tage blieb er mit Frau und Kindern im Versteck. Von Weitem sahen sie Panzer und Militärfahrzeuge vorbeirollen, doch niemand interessierte sich für das verfallene Gebäude weitab von allen größeren Wegen.
Als die knappen Vorräte ganz aufgebraucht und nirgendwo mehr Kampfhandlungen zu hören waren, wagte sich mein Großvater wieder zurück in die Stadt. Doch zuseinem Entsetzen hatte der Rheinbacher Bürgermeister die Wohnung an Gesinnungsgenossen vergeben. Der Altnazi war nicht bereit, die Familie wieder in ihre Wohnung zurückzulassen.
„Ihr seid feige geflüchtet und habt damit Euer Heimatrecht verloren“, erklärte der Bürgermeister ihm seine Entscheidung. Das hat mein Großvater mir mehr als 30 Jahre später so erzählt. „Der Bürgermeister war Nazi und blieb doch im Amt“, klagte mein Großvater.
Die Familie Esser wurde in einem Notquartier auf der Rheinbacher Burg untergebracht. Damals war das eine verfallene Ruine. Der alles überragende „Hexenturm“ war gleichzeitig Wahrzeichen der Stadt und gruseliges Andenken an das finsterste Mittelalter dort.
Durch das Dach der verfallenen Gebäude tropfte es. Im Winter war es furchtbar kalt. Gemütlich war nur das große Turmzimmer, wennman es mit viel Mühe beheizte.
Diese Beschreibungen kannte ich von meiner – 1931 geborenen, durch Krieg und Hunger geprägten – mutter wie auch von ihren Geschwistern. Den „Hexenturm“ kenne ich aus meiner Kindheit und Jugend. Immer berichteten alle Verwandten von ihrer schweren, doch zugleich auch lebendigen Zeit in seinen Gemäuern.
Jahrelang musste die Familie in diesem Provisorium hausen, weil ein Nazi den Schutz der kleinen Kinder vor dem Krieg für feige erklärte und mit dem Entzug des „Heimatrechts“ bestrafte. Das ist eine der Geschichten aus meiner Familie zum Ende des 2. weltkriegs. Eine „Stunde 0“ gab es zwar für die Familie Esser, nicht aber für den Nazi-Bürgermeister.
Ungefähr 60 Jahre nach Kriegsende habe ich Erdmuthe Sturz die Stadt Rheinbach gezeigt, wo meine Mutter geboren wurde und gemeinsam mit vielen ihrer Geschwister undihren Eltern begraben wurde. Die Burg ist wunderbar restauriert und weit entfernt von dem Zustand, in dem ich sie zu meinen Kindertagen kennengelernt hatte. Im Innenhof konnte ich Erdmuthe das Turmzimmer von außen zeigen, ohne dass ich selbst es jemals betretenhätte.
Auf dem Weg zum Rheinbacher Bahnhof kamen wir auch am Rathaus vorbei. Dort las Erdmuthe mir einige Sprüche vor, die in bunten Glasfenstern prangten: „Arbeit ist das Blug der Erde“ und „Arbeit ist das Salz des Lebens“ oder „Räder rollen für den Sieg“.
ob diese Sprüche dort heute noch sind, weiß ich nicht. 60 Jahre nach Kriegsende waren sie noch dort. Heute wäre es Geschichtsklitterung, sie zu entfernen.
Bei einem alliierten Bombenangriff auf Rheinbach ist eine meiner Tanten umgekommen. Das Postamt wurde in Schutt und Asche gelegt. An dieser Stelle wurde es nie wieder aufgebaut.
Später wurde mein Großvater Leiter dieses Postamts. Trotz der Greuel zweier Kriege hat er seinen schelmischen Humor nie verloren. Doch tief in seinem Herzen trug er schmerzende Wunden davon, die ich als Jugendlicher nur ein wenig erahnen konnte, als er mir Ende der 70er Jahre in Angesicht seines nahenden Todes aus seinem Lebenerzählte.

Ein Kommentar zu “Stunde 0: Familie Esser zog in den Hexenturm

  1. Pingback: Kinderreich im Kinderreich: Ich hatte sieben Geschwister | Franz-Josef Hanke

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.