Schranke zu: Europa soll Grenzen öffnen

Dichtgedrängt saßen wir zu Viert auf der Rückbank des Renault Dauphine. Von Bonn aus fuhren wir nach Holland zum Einkaufen.
Mein Vater saß vorn auf dem Beifahrersitz. Den Wagen steuerte sein Kollege, der die Einkaufstour mit meinem Vater verabredet hatte. Vor Allem Zigarretten wollten sie billig einkaufen, aber auch alkoholische Getränke und Butter.
Wir vier Kinder waren so etwas wie Zählfaktoren. Da verschiedne Produkte in einer bestimmten Menge pro Kopf zollfrei über die Grenze gebracht werden durften, zählten wir trotz unseres geringen Alters vor Allem bei den Tabakwaren. Ebenso wie sein Kollege war auch mein Vater starker Raucher.
Bei Aachen reihten wir uns in die Schlange vor dem Schlagbaum ein. Wir waren bei Weitem nicht die einzigen Deutschen, die den Samstag zum Einkauf in den Niederlanden nutzen wollten. Der Schlagbaum öffnete sich vor uns ohne Kontrolle.
Vielleicht 200 Meter dahinter hielten wir bei einem Supermarkt. Fast alle Autos auf dem Parkplatz hatten Kennzeichen aus Deutschland.
Vaals heißt die Stadt direkt hinter der deutsch-niederländischen Grenze bei Aachen. Damals – wohl 1966 oder 1967 – ahnte ich noch nicht, dass ich diese Grenze genau hier noch öfter passieren würde in meinem Leben. Aachen geht hier mit seinem Stadtteil „Vaalser Quartier“ direkt in Vaals über.
Nach dem Einkauf im holländischen Supermarkt verstauten mein Vater und sein Kollege die Waren im Kofferraum des kleinen renault. Stangenweise Zigarretten waren ihr wichtigstes Mitbringsel.
An der Schranke fragte der Zöllner: „Haben Sie was zu verzollen?“ Mein Vater antwortete ruhig mit „Nein“.
Dann fuhren wir wieder heim. Müde stiegen meine drei Brüder und ich ach stundenlanger Fahrt aus dem engen Auto. Aber dergleichen waren wir ja von vielen Fahrten im Glas 1204 mit unserem Onkel Adi gewöhnt.
Nur saß am Lenkrad diesmal ein Mann, der hauptberuflich Auto fuhr. Ebenso wie mein Vater arbeitete er in Bonn beim Auswärtigen Amt (AA). Normalerweise fuhr er denDienstwagen des damaligen Außenministers Willy Brandt.
Das jedoch habe ich wohl erst später erfahren. Später kehrte ich auch mehrmals zurück zum Grenzübergang zwischen Aachen und Vaals. Anfang der 80er Jahre unternahmen wir eine Omnibus-Sonderfahrt von Aachen aus in die holländische Provinz Limburg und ins belgische „La Calamine“, wo die Bevölkerung mehrheitlich deutschsprachig ist.
Mitte der 80er Jahre hatte ich eine Freundin in Vaals. Sie studierte in Aachen, wohnte jedoch in einer WG hinter der Grenze. Dort war das Wohnen billiger als in Deutschland.
Als ich sie 1985 wieder einmal besuchte, holte sie mich – wie immer – mit ihrem VW Polo in Aachen am Bahnhof ab. Unkontrolliert passierten wir die Grenze. In ihrer Wohnung angekommen, bemerkte ich dann, dass ich dummerweise vergessen hatte, meinen Personalausweis einzustecken.
Meine Freundin nahm mich darum zurück auf einem Fußweg über die Grenze mit. Auf der anderen Seite in Deutschland stiegen wir in ihren wagen ein, den sie am Tag zuvor dort abgestellt hatte. Erleichtert stiegen wir ein und fuhren los.
Kaum waren wir 50 Meter gefahren, da überholte uns ein dunkler VW-Bus mit Blaulicht und einem „Z“-Kennzeichen des Zolls. Die Uniformierten hielten uns an. Sie verlangten unsere Papiere und eine Erklärung, warum ich als Fremder den Übergang genutzt hatte, der ausschließlich für Einheimische reserviert war.
Meine Freundin erklärte ohne Zögern wahrheitsgemäß unsere Lage. „Das nächste Mal aber bitte über die Kontrollstelle“, sagte der Zöllner und stieg wieder in seinen Wagen ein.
Andere Grenzübergänge habe ich natürlich auch passiert. An einem kleinen Grenzübergang zwischen Bayern und Österreich fragte der Beamte uns beim Anblick des – mit weißen Streifen bemalten – dunkelroten VW-Bullys meines jüngeren bruders nur freundlich: „Seid´s Ihr Hippies?“
Als ich Jahre danach wieder zur Grenze zwischen Aachen und Vaals am, war sie offen. Die Europäische Union (EU) hatte die Schlagbäume abgebaut. Nach dem Schengener Abkommen gab es keine Grenzkontrollen mehr im Binnenraum.
Umso betrüblicher stimmen mich heute die Grenzschließungen wegen einer angeblichen „Flüchtlingswwelle“. Auch Kontrollen wegen der Corona-Pandemie schmerzen mich. Ich hoffe nur sehr, dass die Grenzen bald wieder ebenso offen sein werden wie die Menschen in der EU.