O die Schornsteine: Zum Todestag von Nelly Sachs

„In den Wohnungen des Todes“ hat sie fast ihr ganzes Leben zugebracht. Buchstäblich in letzter Minute wurde Nelly Sachs vor dem KZ gerettet.
„Und niemand weiß weiter“, nannte die Schriftstellerin einen ihrer Gedichtbände. „Flucht und Veränderung“ waren Lebensmotiv und Trauma der jüdischen Dichterin. Zusammen mit ihrem Freund und Schicksalsgefährten Paul Celan hat sie mit ihren Gedichten das Unsagbare in die deutsche Literatur hineingeschrieben.
Geboren wurde sie am 10. Dezember 1891 in Berlin-Schöneberg. Gestorben ist Sachs am 12. Mai 1970 in Stockholm. Bis heute ist sie die einzige weibliche Deutsche, die den Nobelpreis für Literatur erhielt.
Lange Zeit musste die Exilantin um ihren Unterhalt und ihr Überleben kämpfen. Deutschland wollte wenig wissen von den Verbrechen, die an ihrer Familie und an sechs Millionen Menschen begangen worden waren in deutschem Namen von deutschen Mördern. Lange Zeit zögerte Sachs auch, in das Land der Täter zu reisen.
Oft hat die zierliche Frau das Grauen vorsichtig umschrieben. Vielleicht am deutlichsten beschrieb sie das Unfassbare 1947 in ihrem Gedicht über „Die Wohnungen des Todes“: „O die Schornsteine“
Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes,
Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch
Durch die Luft –
Als Essenkehrer ihn ein Stern empfing
Der schwarz wurde
Oder war es ein Sonnenstrahl?“
Hört man die Dichterin selbst ihre Verse deklamieren, erkennt man sofort die Rhythmik ihrer Sprache. Zugleich wirkt der Vortrag aus heutiger Sicht aber auch pathetisch, was der Ausdrucksweise der Theaterschaffenden in den 20er Jahren entspricht. Auch in diesem Punkt ähnelt ihre Dichtung der ihres Seelenverwandten Celan.
Als Sachs am 10. Dezember 1966 in Stockholm den Nobelpreis für Literatur entgegennahm, organisierte Celan eine Lesung ihrer Gedichte in Paris. Beide trugen schwer an dem Schicksal, dem Tod nur knapp entronnen zu sein und doch – im Gegensatz zu fast der gesamten Verwandtschaft und vieler Freunde – überlebt zu haben.
Ebenso wie der „Die Todesfuge“ dichtende „Meister aus Deutschland“ verbrachte auch Sachs längere Zeit in Psychiatrischen Anstalten. Ebenso wie er umschrieb sie das Grauen immer wieder mit Bildern von Asche und Wolken oder Rauch.
Geradezu infam ist die Anmerkung, Sachs habe den Nobelpreis nur erhalten, weil in der Jury drei schwedische Dichter saßen, deren Werke sie ins Deutsche übertragen hatte. Selbst in solchen Aussagen kann man einen heimlichen Antisemitismus erkennen, der Debatten über Schuld und Verstrickung abwälzt, indem die Klageführenden herabgesetzt werden. Die literarische Qualität ihres Werks spricht jedoch für sich.
Alfred Andersch und Hans Magnus Enzensberger ist ihre Verbreitung in Deutschland zu verdanken. Der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf verdankt Sachs ihre Ausreise aus Nazi-Deutschland nach Schweden. Am Tag ihrer Ausreise hatte sie bereits das Dokument erhalten, das sie und ihre Mutter zur Abreise ins KZ einberief.
Dieser Lebenslauf und die darauf begründete Dichtung geht an die Nieren. Das soll sie auch. Sie gehört eindeutig in dem zeitlosen Kanon großartiger Literatur wortgewaltiger Frauen.