Happy Birthday to You: Stevie Wonder wird 70

Ziemlich laut hörte ich in meinem Zimmer ein Saxofon. Neugierig folgte ich der Magie der Musik. Ich erkannte „Sir Duke“ von Stevie Wonder.
Irgendwie klang das nicht wie eine Schallplatte. Dabei hörte sich das Saxofon ganz genauso an wie bei der Aufnahme des Titels von Stevie Wonder. Die großartige Musik hörte ich aus dem Zimmer eines Nachbarn.
Gebannt folgte ich den rhythmischen Klängen des Saxofons. Leise klopfte ich an. Dann drückte ich die Türklinke hinunter und trat zögernd ein.
In dem kleinen Raum stand ein Mann und spielte Saxofon. Bis zum Ende spielte er virtuos das- gut ein Jahr zuvor veröffentlichte – Stück des blinden Komponisten und Sängers. Mehrere Nachbarn saßen im Zimmer und lauschten ihm hingebungsvoll.
Erst beim gemeinsamen Applaus bemerkten mich meine Mitbewohner. Alle hier waren blind oder hochgradig sehbehindert. Vom Sommer 1977 bis zum Sommer 1978 lebte ich in der Wohngruppe der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) an der Liebigstraße.
Für die Bewohner der Liebigstraße 11 war Wonder ein wahres Idol. Für uns war er wohl der genialste blinde Musiker überhaupt. Natürlich mochten wir auch José Feliciano und Ray Charles oder – ein wenig mehr vermutlich aus Solidarität heraus – den Musiker Wolfgang Sauer, aber Wonder war unser absoluter Favorit.
Kennengelernt hatte ich die Musik von „little Stevie Wonder“ aber schon knapp zehn Jahre vorher. Damals war ich kaum älter als er zu der Zeit, als er seine ersten Schallplatten bei „Motown“ aufnahm. Aus dem „Wunderkind“ mit der souligen stimme wurde allmählich ein genialer Musiker mit grandiosem Erfolg.
Geboren wurde das „Wunderkind“ am 13. Mai 1950 als Stevland Hardaway Judkins Morris in Saginaw. Er kam als Frühgeburt zur Welt. Während des Geburtsvorgangs oder im Brutkasten wurde seine Netzhaut nicht genügend durchblutet, sodass er an einem Retinaglaukom erblindete.
Manche meiner Mitbewohner in der Marbburger Blinden-Wohngruppe teilten genau dieses Schicksal. Umso mehr begeisterte sie die Lebendigkeit und der Drive dieses großartigen Künstlers. Wenn er „You are the Apple of my Eyes“ sang, dann hatte diese Zeile für uns eine ganz andere Bedeutung als für manch anderen Fan.
Ab 1980 setzte Wonder sich verstärkt für die US-Bürgerrechtsbewegung ein. Sein Song „Happy Birthday“ erreichte schließlich das damit angestrebte Ziel: Seit 1986 ist der Geburtstag von Martin Luther King am 12. Januar ein nationaler Feiertag in den USA.
Nach „Mama Afrika“ Miriam Makeba war Wonder der Erste Mann, der vor der UN-Vollversammlung singen durfte. Sein Einsatz für Nelson Mandela führte erneut zu einem wunderbaren Erfolg.
Bei der Wahlkampagne zur US-Präsidentschaft 2008 unterstützte Wonder den Kandidaten Barack Obama. Wie zuvor war er auch hier wieder erfolgreich. Am 20. Januar 2009 trat Obama als erster schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein Amt im Weißen Haus in washington an.
Wonders Engagement gegen rassismus hatte 1982 zur gemeinsamen Aufnahme von „Ebony and Ivory“ mit Paul McCartney geführt. In diesem Fall muss man den Erfolg des inhaltlichen Anliegens der beiden Superstars leider anzweifeln. Allerdings verfolgte das musikalisch durchaus erfolgreiche Werben für Vielfalt statt Rassismus auch ein wesentlich anspruchsvolleres Ziel als die vorherigen Aktionen.
Am 19. April nahm Wonder an dem großen Benefizkonzert zur Corona-Pandemie teil. Dabei sang er den Hit „Lean on Me“ seines erst kurz vorher verstorbenen Kollegen Bill Withers.Damit warbb er für Solidarität und die Unterstützung der World Health Organisation (WHO).
Für mich ist Wonder immer noch einer der größten Musiker. An seinem Geburtstag stimme ich darum gerne seinen Song für Martin Luther King an: „Happy Birthday toYou!“