Pinscher oder Schmeißfliege: Rolf Hochhuth starb mit 89 Jahren

Bundeskanzler Ludwig Erhard beschimpfte ihn als „Pinscher“. Kaum ein deutschsprachiger Dramatiker war zeitlebens so umstritten wie Rolf Hochhuth.
Geboren wurde er am 1. April 1931 in Eschwege. Gestorben ist Hochhuth am Mittwoch (13. Mai) in Berlin. Eng verbunden ist sein Leben mit Marburg, wo der spätere Dramatiker als Buchhändler arbeitete.
Die Uraufführung seines berühmtesten und wohl umstrittendsten Theaterklassikers „Der Stellvertreter“ inszenierte 1963 der frühere Marburger Schauspielintendant Erwin Piscator in Berlin. In diesem Stück problematisiert Hochhuth das Schweigen des Papstes Pius XII zum Holocaust. Hochhuths moralische Haltung und seine wiederholte Einmischung in aktuelle politische Vorgänge brachten ihm viel Feindschaft ein.
Der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß kritisierte Hochhuth und seinen Schriftsteller-Kollegen Bernd Engelmann als „Ratten und Schmeißfliegen“. Die solidarische Reaktion vieler bedeutender Autoren weltweit war, dass sie Bezeichnungen wie „Pinscher“ oder „Schmeißfliege“ selbst als eine Art Ehrentitel annahmen.
1978 führte Hochhuths Intervention zum Rücktritt des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans-Karl Filbinger, den er als „furchtbaren Juristen“ bezeichnete. Noch nach dem Kriegsende hatte Filbinger als Marinerichter Todesurteile verhängt und ihre Exekution beaufsichtigt.
Auch setzte sich Hochhuth für den Hitler-Attentäter Georg Elser ein, dessen Andenken er schließlich in Berlin einen geeigneten Raum verschaffte. Hochhuths Motiv für die Auseinandersetzung mit Faschismus und Widerstand war die Hinrichtung seiner Schwiegermutter Rose Schlösinger als Widerstandskämpferin der sogenannten „Roten Kapelle“.
Neben der Forderung nach Moral in der Politik auch unter schwierigen Bedingungen widmete sich Hochhuth auch sozialen Themen. Im Anschluss an die Premiere seines Stücks „McKinsey kommt“ am 4. April 2004 im Hessischen Landestheater Marburg (HLTM) äußerte er deutliche Kritik an der neoliberalen Vermarktung von Menschen und ihrem Durchdringen aller gesellschaftlichen Bereiche. Gerade seine beiden Hauptthemen sind zu Zeiten der Corona-Pandemie aktueller denn je, wo Moral in Politik und Wirtschaft überlebenswichtig geworden ist.
Bei seinem Auftritt in Marburg begegnete Hochhuth mir mit distanzierter Reserviertheit. Das enttäuschte mich ziemlich. Später habe ich mir überlegt, dass genau diese Distanz ihm zu seiner kritischen Haltung gegenüber vielen kritikwürdigen Zuständen verhalf.