Tor, Tor, Eigentor: Warum und wofür ich Fußball-Funktionäre verachte

Als Kind war ich ein Fußballfan. Der „World Cup 66“ im Wembley-Stadion von London begeisterte mich sehr.
Das legendäre „Tor von Wembley“ im Endspiel der deutschen gegen die britische Fußball-Nationalmannschaft am 30. Juli 1966 wurde nicht nur an unserer Schule heiß diskutiert. Hat der schweizerische Schiedsrichter Gottfried Dienst seinen Dienst gut getan oder nicht? War der Ball im Tor oder nur auf der Linie?
Auch 1970 fieberte ich mit bei der Fußball-Weltmeisterschaft (WM). Hatte ich als Kind noch gekickt wie fast alle Jungs, so war ich in der Oberstufe aus gesundheitlichen Gründen vom Schulsport befreit. Allerdings musste ich noch eine ganze Weile lang zu den Sportstunden antreten und bei den Wettbewerben „zuschauen“.
Trotz meiner Sehbehinderung, die der Hauptgrund für meine befreiung vom Schulsport war, wurde ich dort oft als Shiedsrichter eingesetzt. Ich stand am Spielfeldrand und sah wenig; doch im Zweifel wurde ich gefragt, ob es „Abseits“ sei oder „Foul“ oder ein Tor. Meine Regelkenntnis beim Fußball half mir dann, weise Entscheidungen zu treffen, bei denen ich alle Beteiligten anhörte und dann die passende Regel zitierte.
Nicht ein einziges Mal wurde eine meiner Entscheidungen von einem Klassenkameraden angezweifelt, obwohl alle wussten, dass ich nichts oder zumindest nicht viel gesehen haben konnte. Aber ich versuchte im Zweifel, zu moderieren und einen möglichen Streit über den Spielverlauf zu schlichten.
1974 begeisterte mich die deutsche Nationalmannschaft mit ihrem Sieg gegen Holland. Die Spieler des Weltmeister-Teams waren meine Helden.
Doch im Laufe der Jahre empfand ich Fußball dann mehr und mehr als Geschäft, das nicht mehr dem Sport huldigte, sondern dem Geld. Profis anstelle der früheren „Amateure“, die zwar auch prominent und meist nicht gerade arm waren, aber wenigstens noch nicht dem ganz großen Geld verfallen waren, interessierten mich immer weniger.
1990 trübte ein Erlebnis meine Freude über den dritten deutschen weltmeistertitel sehr. Unmittelbar nach dem Endspiel fuhren hupende Autos unter meinem Fenster entlang und grölende Männer schrien laut „Sieg!“ Wieder und wieder hörte ich das Wort „Sieg“ und dann auch drei oder viermal „Sieg heil!“
Das sogenannte „Sommermärchen“ begann für mich positiv. Doch die aufgemalten Nationalfarben auf mancher Wange machten mich schon stutzig. Als die Vermutung aufkam, der Austragungsort sei durch Korruption nach Deutschland verschoben worden, glaubte ich das sofort.
Die Preisverleihung des Marburger Leuchtfeuers 2018 hat mich dann noch einmal mit dem Fußball versöhnt, als der Frankfurter Eintracht-Vorsitzende Peter Fischer die Auszeichnung für sein Engagement gegen Rassismus entgegennahm. Die großartige Laudatio von Monika Bunk erwärmte mein Herz zusätzlich für den traditionell antisemitisch geprägten Verein.
Die Wiederaufnahme des Spielbetriebs der Fußball-Bundesliga trotz der Covid-19-Pandemie ist für mich jetzt aber endgültig das Aus: Wer Testkits auf Covid 19 für stinkreiche Kicker nutzt, während Pflegepersonal in Heimen und Kliniken sowie Patientinnen und Patienten nicht genügend Tests bekommen, der huldigt dem geld auf Kosten der Gesundheit anderer Menschen. Während Familien immer noch keine ausreichende Kinderbetreuung bekommen und Hartz IV nicht aufgestockt wird, gieren geldgeile Fußballvereine nur nach Kohle.
Wer aus Freude am Sport oder zum Zeitvertreib Fußball spielt, hat meine volle Sympathie. Wer mit Fußball aber auf Kosten von Fans Millionen macht, den trifft meine volle Verachtung. Mit der Entscheidung der Deutschen Fußball-Liga (DFL), die Bundesliga am Samstag (16. Mai) fortzusetzen, hat sie ihr wahres gesicht als geldgeile Funktionärskaste ohne Rücksicht auf die Gesundheit von Spielern, Fans und anderen Menschen unter Beweis gestellt und sich moralisch vollkommen diskreditiert.