Unbewohnbare Erde: Rainer Werner Fassbinder lebte radikal rasant

Für jedes Lebensjahr wollte er einen Film hinterlassen. 40 Filme hat Rainer Werner Fassbinder gedreht. Der Autor, Regisseur, Schauspieler und Produzent wurde nur 37 Jahre alt.
Geboren wurde er am 31. Mai 1945 in Bad Wörrishofen. Gestorben ist Fassbinder am 10. Juni 1982 in München. Schon zu Lebzeiten galt er als einer der engagiertesten Filmschaffenden der Bundesrepublik Deutschland.
Als Jugendlichen irritierten mich seine Filme zunächst. Allerdings habe ich nur einige wenige davon im Fernsehen gesehen. Ein Kinogänger war ich in meiner Jugend überhaupt nicht.
Große Aufregung entstand, als Fassbinder 1972 die Fernsehserie „Acht Stunden sind kein Tag“ auf die Mattscheibe brachte. Gebannt verfolgte ich die Handlung über das Alltagsleben von Werkzeugmachern, Journalisten, ihren Freundinnen und einem alternden Pärchen.
Hanna Schygulla spielte sich als liebreizende und kluge Marion sofort in mein Herz. Gottfried John überzeugte mich als Jochen ebenso wie Luise Ullrich als Oma und der berühmte Kabarettist Werner Finck als Gregor. Irm Hermann wirkte als Irmgard Erlkönig eher ein wenig verklemmt auf mich.
Im Laufe der folgenden fast 50 Jahre blieb sie mir mit ihrer charakteristischen Stimme bis zu ihrem Tod am Dienstag (26. Mai) von allen aber die treueste Begleiterin. Zahlreiche Hörspiele hat sie eingesprochen und dabei ein herausragendes darstellerisches Talent unter Beweis gestellt. 2015 erzählte sie im Deutschlandradio von ihrem Leben und ihrer Zeit als Partnerin von Fassbinder.
Der zweiteilige Fernsehfilm „Die Welt am Draht“ machte mich 1973 vollständig zum Fassbinder-Fan. Vorlage war der 1964 erschienene Science-Fiction-Roman „Simulacron-3“ von Daniel F. Galouye. Der genial verfilmte Zukunftsthriller über digitale „Wirklichkeiten“ ist nicht nur eine philosophische Auseinandersetzung mit Wahrheit und Wahrnehmung, sondern zugleich selbst heute noch eine brandaktuelle Kritik an sogenannter „Künstlicher Intelligenz“ (KI) und ständiger Videoüberwachung.
Fassbinders posthum uraufgeführtes Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ sorgte am 31. Oktober 1985 für einen handfesten Skandal in der Frankfurter Alten Oper. Mitglieder der jüdischen Gemeinde besetzten die Bühne und erklärten das Stück für „antisemitisch“. Eine Rolle spielte dabei auch die Auseinandersetzung um den Häuserkampf im Frankfurter Westend und die Rolle des späteren Zentralratsvorsitzenden Ignaz Bubis, der sich in der Person des jüdischen Spekulanten in Fassbinders Drama wiederzuerkennen glaubte.
Tatsächlich hatte Fassbinder sich dabei aber auf „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“ von Gerhard Zwerenz bezogen, der 1973 erschiene Roman behandelte die Bodenspekulation in Frankfurt. 1975 erarbeitete Fassbinder sein Theaterstück als Abschiedsinszenierung für das Thater am Turm (TaT), nachdem sein Drehbuch für eine Verfilmung des Stoffs keine Umsetzung fand.
Die Handlung spielt auf der Erde, „weil sie ebenso unbewohnbar ist wie der Mond“. Der Spekulant zeigt von allen Charaktern des Stücks außer der Prostituierten wohl am meisten Mitgefühl und menschliche Wärme. Fassbinder setzt sich in dem Drama eher mit dem Nationalsozialismus auseinander und den Verbindungslinien der menschenverachtenden Ideologie hin zu dem, was heutzutage als „Neoliberalismus“ bezeichnet und als „Mietenwahnsinn“ verurteilt wird.
Die vielen großartigen Filme Fassbinders bleiben nicht nur im kollektiven Gedächtnis weltweit, sondern meist auch heute immer noch aktuell. Seine Frauenfiguren sind berührend und starkt. Mit „Angst essen Seele auf“ zeigte er schon 1974 die Not eines Geflüchteten im Land seiner Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit.
Mit seinen Filmen ist es Fassbinder gelungen, progressive politische Positionen mit Hilfe einer ganz eigenen Ästhetik bis weit in die Mitte der Gesellschaft hineinzutragen. Früh engagierte er sich für Homosexuelle und Transgender und war so vielleicht auch ein Wegbereiter ihrer gesellschaftlichen Gleichberechtigung. Fassbinder bleibt auch 38 Jahre nach seinem Tod immer noch radikal und verstörend, aufregend und berührend.