Verschwunden: Christo verhüllte den Reichstag

Anfangs war ich eher skeptisch. Doch die Atmosphäre rund um den verhüllten Reichstag in Berlin überzeugte wohl alle, die da waren.
Christo wurde am 13 Juni 1935 in Gabrowo als Christo Wladimirow Jawaschew geboren. Gestorben ist der sogenannte „Verhüllungskünstler“ am Sonntag (31. Mai) in New York.
Seine Ehefrau und langjährige künstlerische Weggefährtin Jeanne-Claude Denat de Guillebon erblickte am 13. Juni 1935 in Casablanca das Licht der Welt. Sie starb am 18. November 2009 in New York.
Beide haben öffentliche Bauwerke verpackt oder Landschaften verändert. Die Verhüllung des Reichstags vom 23. Juni bis zum 7. Juli 1995 in Berlin war wohl eine ihrer spektakulärsten Aktionen.
„Diese wilhelminische Trutzburg“ verschwinden zu lassen, fand „unser Neunter“ Christian Marquordt absolut passend. Er war wohl der glühendste Befürworter der Aktion auf der Hochzeitsfeier meines jüngsten Bruders Georg in Königs Wusterhausen. Mein Geschwister und ich hingegen sahen diese Aktion zunächst mit belustigter Distanz.
Zusammen mit mehreren Hochzeitsgästen unternahmen wir auf dem Rückweg von Königs Wusterhausen nach Berlin einen Abstecher vom Bahnhof Friedrichstraße zum Reichstag, um neugiershalber einmal beim verhüllten Reichstag vorbeizuschauen. Entlang der Spree ging ich mit Erdmuthe Sturz von „hinten“ auf das Reichstagsgebäude zu, das damals noch nicht die Kuppel nach Plännen des Architekten Sir Norman Foster besaß. Sie wurde erst 1999 fertiggestellt.
Auf dem riesigen Platz, den wir überquerten, kamen uns Menschen entgegen und strahlten. Silbrig glänzte der – sonst eher dunkle – Reichstag in der Sonne. Planen silberner Folie hingen an dem gigantischen Gebäude herunter.
Direkt beim Bauwerk standen Männer in Overalls, die zum Verhüllungsteam von Christo und Jean-Claude gehörten. Sie verkauften kleine Stücke der Folie, mit der der Reichstag eingehüllt war. Gekauf haben wir nichts, aber gestaunt.
Viele Fotokameras klickten. Wildfremde Menschen sprachen einander an und tauschten sich über ihre Empfindungen aus. Dabei herrschte eine freundliche und heitere Atmosphäre.
Seither bin ich ein absoluter Fan von Christo und Jeanne-Claude. Ihre Kunst besteht darin, das alltägliche Grau verschwinden zu lassen und so Raum für Phantasie und Freundlichkeit zu öffnen. Sie brechen mit Erwartungen und der selbstsicheren Gewissheit, dass alles so ist, wie es sein muss.
Nun ist Christo im Alter von 84 Jahren gestorben. Sein letztes Vorhaben soll aber noch verwirklicht werden: 2021 soll der Triumphbogen „Arc de Triomphe“ an der Champs Elysés in Paris verhüllt werden.