Begegnung mit dem Papst: Erinnerungen an Marcel Reich-Ranicki

Kein anderer war so umstritten im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Geboren wurde er am 2. Juni 1920 in Wloclawek. Gestorben ist Marcel Reich-Ranicki am 18. September 2013 in Frankfurt.
Begegnet bin ich ihm am 5. Juli 2010 bei der Eröffnung der Arbeitsstelle Reich-Ranicki an der Philipps-Universität. Sein einstiger FAZ-Redaktionskollege Prof. Dr. Thomas Anz hatte ihn dazu eingeladen.
Schweigend stand Reich-Ranicki lange in der Ecke, bis Anz irgendwann einen Schnellhefter aus einem Ordner herauszog und vorlas: „Montaug“. Innerhalb von Sekundenbruchteilen sprang der Funke über und Reich-Ranicki pries „Montag“ als das wohl wichtigste Werk von Max Frisch.
Am Abend des 5. Juli 2010 nahm Reich-Ranicki dann im überfüllten Autitorium Maximum (AudiMax) an einer Podiumsdiskussion über Literaturkritik teil. Allerdings diente das „Podium“ ihm nur zur Saffage für seine Äußerungen. „Kritik war verboten“, erklärte der Überlebende des Warschauer Ghettos das bis heute noch verkrampfte Verhältnis der Deutschen zuKritik sehr eindringlich und eindrucksvoll.
Wahrscheinlich ist es seine Lebensgeschichte, die ihn so vehement für die Literatur einnahm. Wer die Nazi-Barbarei erlebt und am eigenen Leib erlitten hat, wie Reich-Ranicki es grandios in seinen Memoiren „Mein Leben“ beschrieben hat, der konnte nur im Vertrauen auf Geist und Kultur weiterleben. Dass seine apodiktischen Urteile oft vernichtend rüberkamen, kümmerte ihn dabei kaum, weil sein Eifer ihn mitunter allzu sehr verblendete. Mir ist er als ein Mensch entgegengetreten, der von seinen 90 Jahren schon gezeichnet war, aber immer wieder zu jugendlicher Lebendigkeit erwachte, sobald es um Literatur ging.