Niederknien: Von der Demut zum Mut

Niederknien ist zum Symboll machtvollen Aufbegehrens gegen Rassismus geworden. Einst knieten Katholiken nieder, wenn die Fronleichnamsprozession vorbeizog.
Stundenlang knieten die Kinder in der Kirche auf den vorderen Bänken. Wenn der Priester unter dem Baldachin am Fronleichnamstag mit der Monstranz über die blumengeschmückten Straßen sthritt, knieten selbst die alten Leute nieder, die hinterher Mühe hatten, wieder hochzukommen. Nur der Dorfpolizist legte die Hand an die Mütze zum militärischen Gruß.
Das Knien und der Knicks waren Ausdruck von Hochachtung und Unterwerfung. Diese Geste der Demut bezeugten die Menschen meist, weil sie es so gelernt hatten; oft wurden Menschen aber auch dazu gezwungen.
Die „Obrigkeit“ verlangte Respekt. „Honoratioren“ im Dorf waren der Priester, der Lehrer und der Bürgermeister. „Honorig“ und damit „ehrbar“ war dieser Klüngel, weil niemand sich traute, die Kungelei zu hinterfragen.
Nur da, wo die SPD den Gemeinderat dominierte, wagte die CDU, dessen Beschlüsse zu kritisieren. Ansonsten war Kritik tabu. Macht war „gottgegeben“ und damit „sakrosankt“.
Diese Hierarchie fand ihren Ausdruck im Hofknicks und im Hinknien vor den Mächtigen und vor Gott. Das Knie beugte man in stiller Demut, „weil es sich so gehört“.
Eine überkommene Hierarchie teilte die Gesellschaft und letzten Endes die gesamte Welt ein in „die da oben“ und „wir hier unten“. „Ausländer“ gehörten gar nicht dazu und störten dieses Gefüge nur. Argwöhnisch wurden alle betrachtet, die „sich nicht fügten“.
Jahrhundertelang wurden solche Verhältnisse von Großeltern zu Eltern und von ihnen weiter zu ihren Kindern tradiert. „Tradition“ war der Halt, den die Leute benötigten, um sich an die – oft nur mündlich und durch Verhalten vermittelten – Regeln zu halten. Wer ihnen nicht folgte, erlebte als Folge soziale Ausgrenzung und damit viele durchaus einschneidende Nachteile.
Aber selbst die Ärmsten und Schwächsten in diesem Gefüge hatten einen kleinen Trost: Auf anderen Kontinenten lebten Menschen, die noch weniger wert waren als sie. Anderen Ländern brachte die „zivilisierte Welt“ das edle Christentum und den beglückenden Fortschritt, indem man sie kolonialisierte.
Die „faulen Neger“ in Afrika und die stets feiernden feurigen Völker Lateinamerikas waren lebendig beschriebene Figuren, die die Deutschen kannten, obwohl kaum einer von ihnen jemals eine der von diesen Menschen bevölkerten Gegenden besucht hätte. Die Klischees von ihnen bevölkerten aber das Denken der Deutschen, die die „Kolonialwaren“ konsumierten und sich dank ihrer „Exportorientierung“ steigenden Wohlstands erfreuten.
Grenzenlose Gier regierte zunehmend die Politik und mündete mehr und mehr in einen Rassenwahn. Ein „Volk ohne Raum“ suchte „Lebensraum“ für die „arische Rasse“. Angeblich „lebensunwertes Leben“ und „minderwertige Rassen“ wurden brutall ermordet in industriellem Stil.
Nach dem – von Adolf Hitler angezettelten und von Millionen Mittätern möglich gemachten – Krieg der „Herrenrasse“ gegen die „Untermenschen“ lag das besiegte Land in Schutt und Asche darnieder. Flüchtlinge aus dem Osten strömten in den Westen. Nicht immer ging das ohne Feindschaft ab.
Doch „deutscher Fleiß“ verhalf der dezimierten Bevölkerung bald wieder zu einem erträglichen Leben. Auf die Jahre des Hungers folgte bereits in den 50ern das „Wirtschaftswunder“. Motorroller wichen Kleinwagen und die schließlich dem Volkswagen und größeren Limousinen, mit denen Reisen bis nach Italien bald zu einer verbreiteten Sitte der Deutschen wurden.
Da Millionen von Männern im 2. Weltkrieg „gefallen“ waren, benötigte Deutschland Arbeitskräfte aus dem Ausland. Zunächst aus Sizilien, dann später aus Spanien oder Griechenland und schließlich aus der Türkei kamen „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Bleiben sollten sie erklärtermaßen nicht. Deutsch lernen mussten sie deshalb auch nur in geringem Maß.
Doch viele „Gastarbeiter“ blieben. Nach der Wende kamen „unsere Brüder und Schwestern aus der Zone“ hinzu, die sich selbst an ihren angestammten Heimatorten als „Fremde im eigenen Land“ fühlen mussten. Auch sie waren weniger angesehen als die Westdeutschen, da über ihnen entweder der Verdacht der Kollaboration mit Kommunisten oder der Vorwurf schwebte, sie gäben sich nicht genug Mühe, ihr Schicksal im Land der unkontrollierten Märkte selber in die Hand zu nehmen und zu meistern.
Russlanddeutsche kamen und „Boat People“ aus Vietnam. Ihnen folgten Flüchtlinge aus arabischen und afrikanischen Ländern sowie vereinzelt aus China.
Vielfalt war längst Alltag auf den Straßen westdeutscher Städte. Einfalt hingegen blieb weiterhin im Denken vieler Menschen vor Allem auf den abgelegenen Dörfern verhaftet. „Fremde“ waren ihnen fremd und deshalb suspekt.
Die jahrzehntelange Beschwichtigung, dass die „Gastarbeiter“ wieder in ihre Heimatländer zurückkehren würden, wenn sie „nicht mehr benötigt werden“, wich allmählich der Erkenntnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. „Multikulti“ nahmen jüngere und weltoffenere Zeitgenossen als Bereicherung wahr, wenngleich auch sie mitunter noch eher paternalistisch wohlwollend auf die „Spaghettis“ und „Kümmeltürken“ hinabblickten.
Doch der Drang der Armen ins Zentrum der Bereicherung an ihren Lebenschancen nahm immer mehr Fahrt auf. Schon in den frühen 70er Jahren hatte der – 1986 ermordete – schwedische Ministerpräsident Olof Palme davor gewarnt, dass die Menschen aus der sogenannten „3. Welt“ irgendwann nach Europa kommen und hier „ihr Recht einfordern“ könnten, am Reichtum der Welt teilzuhaben. Genau das möchte die sogenannte „Migrationspolitik“ fast aller Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) aber mit Macht und Zäunen sowie einer Behinderung der Seenotrettung im Mittelmeer unbedingt verhindern.