Nicht im Nebel stehenlassen: Szenen zum Geburtstag von thomas Freitag

Willy Brandt, Herbert Wehner und Franz Josef Strauß reden über das Wetter. Thomas Freitag bringt sie alle drei ganz allein auf die Bühne.
Der geniale Imitator und Kabarettist wurde am 17. Juni 1950 im hessischen Alsfeld geboren. Seine Jugend verbrachte er großenteils im württembergischen Balingen.
Schon früh fiel der kleine Thomas durch seine darstellerischen Ambitionen auf. Nach einer Banklehre erhielt er Schauspielunterricht und fand sein erstes Engagement als Schauspieler beim „Renitenztheater“ in Stuttgart. Darauf folgte ein Engagement beim Stadttheater Gießen.
1974 engagierte ihn Kai Lorentz für das „Düsseldorfer Kom(m)ödchen“. Zusammen mit der Kabarettistin Lore Lorentz trat er an dem damals – – neben der legendären „Münchener Lach und Schießgesellschaft“ – bedeutendsten Kabarett Deutschlands auf. Seit 1976 bringt Freitag eigene Soloprogramme auf die Bühne.
Auch im Fernsehen zeigte Freitag sein komisches Können. Dort lernte auch ich ihn kennen und schätzen.
Unvergessen ist mir seine Szene einer Bundestagsdebatte über das Wetter Ende der 70er Jahre. Willy Brandt betont, dass das Wetter in der Bundesrepublik besser sei als sein Ruf. Franz Josef Strauß erwidert, dass die Sozialdemokraten die Bevölkerung im Regen stehen lasse.
Herbert Wehner greift Strauß daraufhin an, er wolle mit dieser Debatte nur davon ablenken, dass Gerhard Stoltenberg und die CDU sich „den Rundfunk in die Tasche stecken wollen“. „Stereo“, ereifert sich Wehner, „Ich sage nur: Stereo! Wie kann man Stereo hören wollen, wenn man auf dem linken Ohr taub ist?“
Nicht nur die Stimmen der Politiker macht Freitag täuschend echt nach; er imitiert auch die abgehackte Sprechweise Wehners oder die polternde Japserei von Strauß. Dabei zeitg er auch die passende Mimik und Gestik der dargestellten Figuren so karrikierend, dass das Publikum schon bei deren Anblick in Gelächter ausbricht.
Am Ende der Szene tritt Hans Filbinger von der Bundesratsbank zum Mikrofon. „Wenn Siie mich fragen: Was ist der Unterschied zwischen einem Stockschirm und einem Knirps?“, erklärt der baden-württembergische Ministerpräsident, „dann kann ich Ihnen ur antworten: Ich kann mich überhaupt nicht mehr erinnern.“
Mit Filbingers weinerlichem Unterton schwäbelt sich Freitag gnadenlos auf die mörderische Pointe zu: Filbinger hatte behauptet, er könne sich an Todesurteile „überhaupt nicht mehr erinnern“, die er als Marinerichter selbst nach dem Ende der Nazi-Diktatur verhängt und auch durchgesetzt hatte.
Bei einem Gastspiel in Marburg habe ich Freitag in Höchstform erlebt. Was mich damals ein wenig irritierte, war die Angabe im Programmheft, dass einige Texte von Konrad Beikircher stammten. Diesen Namen hatte ich zwar schon gehört, kannte den Bonner Kabarettisten aber kaum.
Später lernte ich den Italiener mit „Bönschem Dialekt“ ebenso schätzen wie Freitag. Dem Altmeister der kabarettistischen Imitation mit seinem großartigen talent, neben Brandt, wehner, Strauß und Filbinger auch Marcel Reich-Ranicki oder Helmut Kohl auf der Bühne lebendig werden zu lassen, stimme ich in seinem wichtigsten Wunsch zu: „Ich wünsche mir Persönlichkeiten mit Haltund in allen demokratischen Parteien.“
Persönlichkeiten wie Freitag wünsche ich mir natürlich auch im Kabarett. Vor Allem aber wünsche ich ihm zu seinem Geburtstag noch viele produktive Jahre erfolgreichen schaffens, damit die Deutschen auch während der Corona-Pandemie und zu Zeiten aufkeimenden Rechtspopulismus nicht im Nebel stehen.