Mit dem Herzen: Antoine de Saint-Exupéry lehrt sehen

„on ne voit bien qu’avec le coeur.“ Millionen Menschen hat Antoine de Saint-Exupéry gelehrt, mit dem Herzen zu sehen.
Den Kernsatz seines 1946 posthum veröffentlichten Kunstmärchens „Der kleine Prinz“ würde ich etwas anders übersetzen als die beidendeutschen Übertragungen. Statt „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ verstehe ich den französischen Satz eher im Sinne von „Man kannüberhaupt nichts gut sehen, wenn man es nicht mit dem Herzen sieht.“ Genau das hat Saint-Exupéry mich gelehrt.
Mit mehr als 160 Millionen verkauften Exemplaren zählt „Le petit Prince“ zu den 20 meistverkauften Büchern der Welt. Die berührende Geschichte von dem notgelandeten Piloten und dem kleinen Prinzen von einem fernen Asteroiden habe ich 1971 im Französischunterricht kennengelernt. Selbst meine damalige Lehrerin, die der faschistischen NPD aus alter Überzeugung und als revanchistische Heimatvertriebene nahestand, konnte mir die Freude an diesem Meisterwerk phantastischer Literatur für große und kleine Herzen nicht verleiden.
Ein zweites Mal tief berührt hat mich die Geschichte in der 1999 aufgenommenen Hörbuchfassung des begnadeten Schauspielers Ulrich Mühe, der mit seiner einfühlsamen Darstellung auch dem Film „Das Lebender anderen“ zu Kultstatus verhalf. „Der kleine Prinz“ hat den großen Darsteller zu einer absoluten Meisterleistung bewegt. In dem Hörbuch beweist mühe, dass man mit dem Herzen nicht nur gut sehen, sondern auch hervorragend vorlesen kann.
„Der kleine Prinz“ ist zwar die berühmteste, aber nicht die einzige großartige Geschichte von Saint-Exupéry. Als Erster begründete er das Genre der Literatur über das Fliegen. Als Pilot kannte er dessen emotionale Höhenflüge ebenso wie die Erfahrung von Absturz und Überlebensangst.
Eindringlich und eindrucksvoll beshreibt er diese Erlebnisse in seinen Büchern. EinenAbsturz in der Wüste hat Saint-Exupéry bei seinem Versuch erlebt, einen Streckenrekord für die Flugstrecke von Paris nach Saigon aufzustellen. Mit einem Wasserflugzeug ist er im Mittelmeer abgestürzt und dabei nur knapp dem Tod entkommen.
Dennoch ist er weiterhin geflogen. Saint-Exupéry wurde am 29. Juni 1900 geboren. Am 31. Juli 1944 wurde er über dem Mittelmeer von dem deutschen Jagdflieger Horst Rippert am Geburtstag seines Bruders Ivan Rebroff abgeschossen.
Für mich ist „Le petit Prince“ emotionaler Zugang zur wunderbaren französischen Sprache. Neben den chansonsvon Edith Piaf, Georges Moustaki und Georges Brassens oder Jacques Brel sowie Charles Aznavour ist es gerade dieses Kunstmärchen, das den Wohlklang dieser Sprache in mein Herz eingebrannt hat. Wenn manche Menschen auch Kitsch daraus machen mögen, so bringt es in mir gerade wegen der besonderen Bedeutung des Worts „Sehen“ für Blinde immer wieder ein Gefühl tief empfundenen Glücks, für das ich sogar meiner Nazi-Leherin noch Dank schuldig bin.