Requiem für die Menschlichkeit: Mein Nachruf auf Ennio Morricone

Eins seiner berühmtesten Stücke läuft in der Telefon-Warteschleife des Polizeipräsidiums von Rom. Nicht nur das Mundharmonika-Solo und die gesamte Filmmusik zu „Spiel mir das Lied vom Tod!“ hat Ennio Morricone komponiert.
Im Alter von 91 Jahren ist der berühmteste zeitgenössische italienische Komponist gestorben. Weltberühmt ist er als Filmkomponist.Mehr als 500 Filmen verhalf er zum passenden Ton.
Doch Morricone hat auch Messen und andere Musik geschaffen. Die Filmmusik allerdings hat der Italiener revolutioniert. In seinen Kompositionen kommen Hilferufe vor, Indianerrufe oder eine in höchsten Tönen kreisende Frauenstimme ohne Worte.
Während auf der Leinwand die Geier kreisen, zückt der Darsteller seine Mundharmonika. „Spiel mir das Lied vom Tod“ lautet der Titel des gesamten Films. Morricones Musik hat eine so tragende Rolle in diesem „Italo-Western“, dass dieser Titel nur ihrer Bedeutung für die Spannung Rechnung trägt.
Beim Stadtfest „Drei Tage Marburg“ 3TM 2008 spielte Rene Gießen Mundharmonika. Als er das berühmte Stück von Morricone spielte, lief mir ein Schauer und über den Rücken. Erst am Ende der Darbietung erfuhr ich, dass Gießen die Melodie auch für den Film von Sergio Leone auf der Mundharmonika eingespielt hatte.
Leone und Morricone kannten sich aus der Schule. Morricones Musik verhalf Leones „Italo-Western“-Filmen zu ihrem Erfolg. Für seine Filmmusiken hat Morricone unzählige Auszeichnungen erhalten, die vom Oscar und dem „Golden Globe“ über den Grammi und den „Goldenen Löwen“ von Venedig sowie den Europäischen Filmpreis bis hin zum „Polar music Award“ und vielen weiteren Ehrungen reichen.
Zu seinem 85. Geburtstag im November 2013 hat Morricone auf der Insel Lampedusa ein fünfminütiges Requiem für die im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge uraufgeführt. Ein Requiem war auch seine Filmmusik zu „Sacco und Vanzetti“ aus dem Jahr 1971, deren Text die Folk-Legende Joan Baez gesungen hat. Erst leise, dann mit immer mehr Instrumenten und Singstimmen von Orgel über Gesangssolo bis hin zum Chor werden die Rufe nach der gerechtigkeit für die beiden Opfer eines Justizmords immer lauter.
Dieser Ruf nach Menschlichkeit bleibt das Vermächtnis dieses großen Komponisten. 1958 hat er an den Ferienkursen für „Neue Musik“ in Darmstadt teilgenommen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmern dieser Kurse erreichte seineMusik Spitzenplätze in den Charts und über 50 Millionen verkaufte Schallplatten.
Wie wenige andere hat Morricone es verstanden, mit Musik Spannung aufzubauen, aufzurütteln oder zu berühren. Deswegen interpretieren auch andere immer wieder seine Musik oder verwenden alte Kompositionen für neue Filme. Danke dafür und ruhe sanft in Frieden, Du engagierter musikalischer Menschenfreund!