Aufrecht und fleißig: Erinnerungen an Hans-Jochen Vogel

„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Den Artikel 3, Absatz 3, Satz 2 im Grundgesetz verdankt Deutschland Hans-Jochen Vogel.
Der ehemalige SPD-Vorsitzende ist am Sonntag (26. Juli) im Alter von 94 Jahren gestorben. Im Januar 1993 hatte Vogel die Ergänzung des Grundgesetzes um das Diskriminierungsverbot von Menschen mit Behinderungen durchgesetzt. Den Satz hatte er nach langen Debatten formuliert und dafür die Zustimmung der anderen Parteien im Deutschen Dundestag sowie der Landesregierungen erreicht.
Fünf Jahre danach veranstaltete die Aktion Mensch (AM) eine Feier in der Berliner Urania. Dort traf ich Vogel zum zweiten Mal persönlich. Noch einmal betonte er vor den geladenen Gästen die Bedeutung des Diskriminierungsverbots und zeichnete den schwierigen Weg bis zu seiner Verankerung in der Verfassung nach.
Zum ersten Mal begegenet war ich Vogel ungefähr 15 Jahre vorher. Damals stand er vor dem Aggeordnetenhaus des Deutschen Bundestags im Bonner Tulpenfeld und wartete auf seinen Wagen. Ich näherte mich dem Eingang zu Fuß mit meinem weißen langstock
Als Vogel mich erblickte, kam er mir ein paar Schritte entgegen und fragte mich, ob ich Hilfe benötige. An seinem Ellenbogen geleitete er mich bis zur Pforte, wo ich dann zu einer Sitzung der Grünen-Bundestagsfraktion ging. Ich bedankte mich bei ihm, bevor er in den zwischen angekommenen Wagen einstieg.
Bekannt war mir Vogel, seit ich politisch interessiert war. Seit 1960 war er Oberbürgermeister von Münchenund errang bundesweite Aufmerksamkeit. Ich erinnere mich noch gut, wie er bei der Einweihung der Münchener U-Bahn 1972 vor laufender Fernsehkamera persönlich einen Zug abfertigte, um zu demonstrieren, dass die neue Fahrtechnik beinahe ohne Fahrer auskommt.
Die Olympischen Spiele 1972 begannen fröhlich und endeten besinnlich, nachdem zwischenzeitlich der Anschlag der Terrorgruppe „Schwarzer September“ auf Sportler der israelischen Mannschaft die Welt in Schrecken versetzte. Neben dem damaligen Innenminister Hans-Dietrich Genscher war Vogel „das Gesicht“ der Olympischen Spiele 1972.
Schon im selben Jahr wechselte Vogel ins Bundesbauministerium in der Regierung Brandt. Ab 1974 hatte er das Justizressort inne, bevor er 1981 kurzzeitig Regierender Bürgermeister von Berlin wurde. Bei der Bundestagswahl 1983 unterlag er als SPD-Spitzenkandidat dem zwischenzeitlich ins Kanzleramt eingezogenen Helmut Kohl.
Von 1987 bis 1991 war Vogel als Nachfolger von Willy Brandt Parteivorsitzender der SPD. In der Nachfolge von Herbert Wehner war er von 1983 bis 1991 auch Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Dabei hatte er den Ruf eines fleißigen und soliden „Parteisoldaten“.
1994 schied er aus dem Bundestag aus. Dannach engagierte er sich in der Erinnerungsarbeit gegen das Vergessenunter dem Motto „Nie wieder Faschismus“. Seine Lektion hatte er während seiner Jugend in der NS-Diktatur gründlich gelernt.
Sein letztesPositionspapier für die SPD kritisiert die ungleiche Verteilung des Reichtums in Deutschland. Wohl auch aus eigener Erfahrung als Parteivorsitzender hat Vogel sich jedoch mit Kritik an den amtierenden Führungskräften seiner Partei immer zurückgehalten. Er war nicht unbedingt ein begnadeter Redner, überzeugte aber immer durch seine Geradlinigkeit und seine Ehrlichkeit.