Wir sind 10%: Behinderte in Parlamente, Vorstände und Aufsichtsräte!

Mehr als zehn Prozent der Menschen in Deutschland haben eine Behinderung. In Parlamenten, Führungspositionen und Medien sind Behinderte jedoch eine verschwindend kleine Minderheit.
Anders ist das bei Erwwerbslosigkeit und wirtschaftlicher benachteiligung. Von Armut sind Menschen mit Behinderungen überdurchschnittlich betroffen. Das muss sich ändern.
Darum sollten Menschen mit Behinderung nicht zögern, ihren Einfluss geltend zu machen in Politik, Kultur, Medien, Wirtschaft und Gesellschaft. Keine Partei und keine Firma, kein Medium und keine Kulturinstitution kann es sich leisten, auf ein Zehntel der Bevölkerung zu verzichten. Wer Menschen aufgrund ihrer Behinderung ausgrenzt, der grenzt sich damit letztlich selber aus.
Um die zehn Prozent der Bevölkerung angemessen in allen Institutionen zu repräsentieren, sollten Personen mit einer Behinderung nicht zögern, für politische Ämter in Parteien und für Positionen in Vereinen und Verbänden zu kandidieren. Aber die Behinderten sollten auch nicht zögern, behindertenfreindliches Verhalten von Firmen und Institutionen sowie eine behindertenfeindliche Politik anzuprangern. Keine Partei sollte auch nur eine Stimme von einer einzigen Person mit einer Behinderung bekommen, die Menschen aufgrund einer Behinderung ausgrenzt oder ihrer Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit beraubt.
Die skandalöse Weigerung der Deutschen Bahn (DB AG), Reisende mit einer Behinderung ganz genauso selbstverständlich zu befördern wie alle anderen auch, muss sofort aufhören. Bahnsteigkante und Einstiegsstufe aller Waggons müssen niveaugleich sein. Das ist – wie der Rechtsanwalt Dr. Oliver Tolmein in einem Gutachten für den Behindertenbeauftragten der Bundesregierung festgehalten hat – ein Menschenrecht der Betroffenen gemäß der auch von der deutschen Bundesregierung unterzeichneten Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UNBRK).
Diskussionen über die sogenannte „Triage“ – die bevorzugte Versorgung in Krisensituationen – darf es in einem demokratischen Gemeinwesen nicht geben. Wer beginnt, über das angebliche „Lebensrecht“ alter, behinderter oder kranker Menschen auch nur zu diskutieren, der befindet sich schon auf der schiefenen Ebene hinab in die Nazi-Ideologie vom angeblich „lebensunwerten Leben“. Für Ethik sind in einer Gesellschaft keine besonderen Gremien zuständig, die sich hochtrabend „Ethikrat“ nennen, sondern alle Bürgerinnen und Bürger gemeinsam.
Menschen mit Behinderung darf die Gesellschaft ebensowenig abschieben wie die Diskussion über ihre Bedürfnisse. „An ihrem Umgang mit den Schwächsten erkennt man den Stand der Demokratie einer gesellschaft“, hat der Lebenshilfe-Gründer Tom mutters wiederholt gesagt. Um die Demokratie vor einer Schwächung zu bewahren, sind Behinderte deshalb aufgerufen, sich überall mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Erfahrungen und Besorgnissen, ihren Hoffnungen und Utopien einzumischen.