Schäm Dich: Ich bin ein alter weißer Mann

Ich bin ein alter weißer Mann. Dafür kann ich nicht viel.

Haut- und Haarfarbe habe ich von meinen Eltern ererbt. Das Geschlecht habe ich mir nicht selber ausgesucht. Mein Alter ist ein Geschenk, das ich einer großen Portion Glück und einigem Stehvermögen sowie ein wenig Geschick verdanke.
Mitunter machen mich manche „alte weiße Männer“ zornig, da sie trotz ihres Alters offenbar die meisten Gelegenheiten zum Erwerb von Weisheit ausgelassen haben. manchmal machen mich aber auch jüngere Menschen traurig, die beinahe genauso halsstarrig gegenüber „alten weißen Männern“ reagieren wie diejenigen, die sie als „alte Säcke“ kritisieren, gegenüber denen, die nicht ganz genauso sind wie sie.
Dann erinnere ich mich an einen Song des australischen Singer-Songwriters Kevin Johnson. 1976 sang er voller Weisheit das wunderschöne Lied „Over the Hills and far away zur Empörung der Jugend über Unrecht und Krieg sowie die Gelassenheit des Alters. Genauso fühle ich mich mitunter auch.
Als jugendlicher habe ich mich zunächst für Willy Brandt und die SPD sowie dann später für Die Grünen engagiert. Frieden und Umweltschutz waren mir sehr wichtig. Großdemonstrationen in Bonn und Fulda sowie in Gersfeld habe ich in den frühen 80er Jahren mit vorbereitet.
Plastikpackungen habe ich damals weitgehend aus meinem Alltag verbannt. Körnerbrötchen kaufte ich bei der Bäckerei „Siebenkorn“ in Marburg und Fleisch beim Metzger Franz Becker in der Weidenhäuser Straße. Ich trug Wollpullover von „Hess Naturmoden“ und kaufte Haushaltswaren im „Kramlädchen“ am unteren Steinweg.
Bei der Supermarktkette „Tegut“ habe ich wegen Früchten aus Südafrika nachgefragt, bis solche Produkte irgendwann aus dem Sortiment verschwunden waren, weil viele andere genau das Gleiche getan hatten wie ich. Später tat ich das Selbe mit gentechnisch hergestellen Lebensmitteln, die der damalige Tegut-Eigentümer Wolfgang Gutberlet aber ohnehin aus tiefer Überzeugung ablehtnte. Das gentechnisch hergestellte Blutgerinnungsmittel habe ich nach meiner Blinddarmoperation zugunsten eines Medikaments verworfen, das aus Schweinepankreas gewonnen worden war.
Nach und nach schlichen sich dann aber Bequemlichkeit und Ermüdung ein in meinen Alltag. Genügend andere Probleme drängelten sich vor, sodass meine Anstrengungen zu praktiziertem Umwelt- und Klimaschutz im Alltag etwas erlahmten. Über lange Jahre konsequent ökologisch zu leben, ist gar nicht so einfach.
Mit dem Aufkommen von „Fridays for Future“ habe ich meine Lebensgewohnheiten aber noch einmal selbstkritisch reflektiert. Plastikverpackungen habe ich wieder weitgehend aus meinen Einkäufen verbannt und den Fleischkonsum deutlich verringert. Ohnehin kaufe ich Obst und Gemüse seit Jahrzehnten fast nur aus biologischem Anbau.
Ein wenig Scham ergreift mich schon, wenn ich mich frage, warum ich in den Jahrzehnten letztlich so wenig bewirkt habe mit meinem Einsatz für Umwelt und Klimaschutz. Gewusst habe ich das doch schon seit mehr als 35 Jahren. Getan habe ich in all den Jahren ja durchaus etwas, aber ganz gewiss nicht genug.
Eine Erklärung habe ich zu meiner Entlastung, wenngleich sie nicht alles entschuldigen kann: Als mehrfachbehinderter Blinder habe ich um meine eigenen Rechte oft sehr hart zu kämpfen. Das kostet Kraft und manchmal auch die nötige Gelassenheit für mehr Einsatz zugunsten Anderer.
Gemeinsam für eine bessere Zukunft zu kämpfen, hieße für mich darum auch mehr Miteinander der Generationen. Darum wünsche ich mir Respekt der Jüngeren gegenüber Älteren wie auch umgekehrt den Respekt der Alten gegenüber der Jugend. Wenn alle voneinander lernen, können sie gewiss mehr verändern als ohne Solidarität aller zukunftsorientierten Menschen.