Das ist nicht mehr mein Land: Ich bin ein Flüchtling

Das ist nicht mehr mein Land. Ich bin ein Fremder im „Land der Scharfrichter und Henker“.
Immer häufiger denke ich an den Briefwechsel zwischen Erich Auerbach und Walter Benjamin. Ende der 30er Jahre schrieb der Marburger Romanist dem berühmten Philosophen in eindringlichen Worten, wie sehr ihn die „BNlu-Bo-Propaganda“ der Nazis schmerzt. Es sei ein uraltes unbestrittenes Wissen, das diese Propaganda zerstört habe, nämlich die klare Überzeugung, „dass der Geist nicht national ist“.
Wenn ich in diesen Tagen erlebe, wie über die Aufnahme geflüchteter Menschen aus Moria diskutiert wird, dann packt mich das kalte Grausen. Alte, Behinderte, Frauen und Kinder wie auch die Männer sollen in der griechischen Gluthitze bleiben, weil sonst angeblich „Brandstiftung“ belohnt werde. Das ist genau jene Vorstellung von „Sippenhaft“, mit der der Hitler-Faschismus Menschen zum Stillhalten erpresste, damit ihre Angehörigen nicht an ihrer Statt „bestraft“ würden.
Aber es ist nicht nur die schäbige Debatte über Flüchtlinge aus Moria, die mich erbost, sondern auch der gnadenlose Umgang mit denjenigen, die bereits in Deutschland leben und auf einen Aufenthaltstitel warten. Ich kenne traumatisierte Geflüchtete, die mit ständigen Hiobsbotschaften „rausgemobbt“ werden, obwohl sie laut behördenbekannter Ateste suizidgefährdet sind. Das sogenannte „Bundesamt für Migration und flüchtlinge“ (BAMF) erweist sich als eine „deutsche“ Behörde mit der gleichen unmenschlichen Paragraphenreiterei wie dereinst Nazi-Bürokraten bei der Rechnungslegung für Kosten verstorbener kZ-Insassen.
Sicherlich ist dieser Vergleich gefährlich. Die Shoa ist einmalig und einzigartig in der Geschichte; aber die Menschheit muss daraus lernen. Doch Deutschland hat offenbar nicht genug gelernt.
Wie sonst könnte der gnadenlose Verfassungsfeind Horst Seehofer Minister für eine Behörde sein, die sich vernebelnd „Verfassungsschutz“ nennt? Wie sonst ist es möglich, das Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sich von diesem rassisten am Nasenring rechtsherum durch die politische Manege in Berlin führen lassen und die Begrenzung auf 1.553 Geflüchtete abnicken, obwohl 174 Städte – häufig auf Initiative sozialdemokratischer Kommunalpolitiker hin – in Deutschland ihre Aufnahmebereitschaft bekundet haben? Wie sonst ist es möglich, das „Grüne“ in Hessen zu rassistischen Morddrohungen des sogenannten „NSU 2.0“ schweigen, die offensichtlich von Polizisten versandt wurden.
Am 26. September 1940 hat Benjamin in Portbou den Freitod gewählt, weil er an der spanisch-französischen Grenze in das von Deutschen besetzte Gebiet zurückgewiesen wurde. In Nazi-Deutschland drohte ihm als Spross einer jüdischen Familie der erbärmliche Tod in einem Konzentrationslager (KZ). Wegen seiner und vieler anderer Schicksale steht das Asylrecht im Grundgesetz und genießt Verfassungsrang.
Wer das Asylrecht und die Aufnahme in Not geratener Schiffbrüchiger oder Flüchtlinge ablehnt oder taktisch diskutiert, der hat in meinen Augen jede Form von Anstand und Mitmenschlichkeit verloren. In einem Land, das solche Politikerinnen und Politiker regiern, fühle ich mich nicht zuhause. Ich leide mit den Geflüchteten und ihrem skandalösen Schicksal.
Ich bin ein Flüchtling. Ich flüchte vor Verantwortungslosigkeit und Menschenverachtung. Bitte, flüchtet alle mit mir in die Mitmenschlichkeit und die Hoffnung auf echte Demokratie!

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