An der Grenze abgewiesen: Zum Tod des Flüchtlings WB

In der Nacht zum 26. September 1940 nahm er sich in auswegloser Lage an der Grenze das Leben. Eindringlicher als das Gedicht „Zum Freitod des Flüchtlings W. B.“ seines Freunds Bertolt Brecht könnte man das Schicksal von Walter Benjamin nicht ausdrücken.
Aufgrund einer neuen Anweisung hatten die spanischen Zöllner im Grenzort Portbou den Deutschen zurückgewiesen. Als Angehöriger einer jüdischen Familie fürchtete Benjamin mit der Zurückweisung nach Frankreich die Überstellung an die Nazis und damit den qualvollen Tod in einem Konzentrationslager (KZ). Dem wollte der herzkranke Philosoph mit seinem Suizid im Hotel Francia de Portbou zuvorkommen.
Ein „Freitod“ war diese Selbsttötung darum keineswegs, sondern die bewusste Entscheidung für das erträglichere Ende angesichts der drohenden Vernichtung durch die Mordmaschinerie der Nazis. Immerhin war Benjamin bereits interniert gewesen, als deutsche Truppen in Paris einrückten. In der Stadt an der Seine hatte er zunächst Asyl gefunden, bevor er sich nach der Entlassung aufmachte nach Südfrankreich, von wo aus er über Spanien nach Lissabon gelangen und von dort it seinem gültigen Visum in die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) einreisen wollte.
Dort warteten bereits seine Freunde Theodor Wiesengrund Adorno und Hannah Ahrendt auf ihn. Neben seiner Freundschaft zu der einstigen Marburger Studentin pflegte er auch einen regen briefwechsel mit dem Marburger Romanisten Erich Auerbach. Darin bekundeten beide ihr Entsetzen über die Gewaltherrschaft Adolf hitlers und der NSDAP.
Es gebe ein Wissen, das über Jahrhunderte unstrittig war und von Geistesgrößen wie Gotthold Ephraim Lessing, Friedrich Schille und Johann Wolfgang von Goethe wieder und wieder bekräftigt wurde, dass „die Blu-Bo-Propaganda“ jedoch zerstört habe, schrieb Auerbach an Benjamin. Dieses tief verwurzelte Wissen war, „dass der Geist nicht national ist“. Diese Erkenntnis untermauerte Auerbach in seinem Hauptwerk „Mimesis – dargestellte Wirklichkeiten“.
Benjamin wandte dieses Wissen praktisch an, indem er Werke von Honoré de Balzac, Charles Baudelaire und Marcel Proust aus dem Französischen ins Deutsche übertrug. Zugleich lieferte er dazu auch noch eine theoretische Abhandlung zur Aufgabe des Übersetzens mit, die Grundlage aller weiteren Auseinandersetzung mit diesem Thema wurde.
Praktisch umgesetzt hat der Philosoph seine Erkenntnisse auch als Autor von Hörspielen für den Kinderfunk. Nicht unstrittig ist, ob der Kasper in seinen Radiobeiträgen möglicherweise von ihm selbst gesprochen wurde.
Seine Abhandlungen über Fotografie und Kunst im Zeitalter der massenhaften Reproduzierbarket waren bahnbrechend. Seine Habilitationsschrift war den Professoren der Frankfurter Universität jedoch zu avantgardistisch, sodass er sie frustriert zurückzog. Großer Erfolg war ihm erst nach seinem Tod beschieden.
Als er Paris verließ und sich auf den Weg nach Lissabon aufmachte, versteckte ein Freund einen KOffer mit Manuskripten von Benjamin und dem Bild „Angelos Novus“, das Benjamin von Paul Klee gekauft hatte. Der originelle Ort des Versteckts war so gut gewählt, dass dieser Koffer erst 1980 gefunden wurde. Gestanden hatte er all die Jahre seit Benjamins Flucht in der französischen Nationalbibliothek in Paris.
Neben seinen sprachphilosophischen Publikationen wandte sich Benjamin auch der Auseinandersetzung mit der sozialistischen Fortschrittsgläubigkeit zu. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt war für ihn jede Grundlage für eine Geschichtsutopie erledigt, die zwangsläufig zu einer besseren Zukunft führen müsse. Seinen „dialektischen Materialismus“ brachte er in seinem unvollendeten Hauptwerk „Passagen“ zum Ausdruck, das bereits im Titel seinen eigenen Lebensweg andeutete.
Benjamin warf die Frage auf, inwieweit die politische Entwicklung der Weimarer republik bereits schon Spuren angelegt habe hin zum Hitler-Faschismus. Geschichte müsse man aus der jweiligen eigenen politischen und gesellschaftlichen Erfahrung heraus lesen und daraus Schlüsse für das weitere politische Handeln ziehen. Diese Betrachtungsweise geht weit über das häufig zitierte „Nie wieder!“ hinaus.
Man könnte Benjamins Sichtweise auf die aktuelle politische Lage in Europa übertragen, indem man jedes Entgegenkommen gegenüber rechtspopulistischen Positionen als Stärkung von Faschismus betrachtet. Wer Xenophobie und Fremdenhass auch nur ansatzweise Raum gibt, der macht sich damit zum Steigbügelhalter menschenverachtender Hetze. Wer Hass und Hetze duldet oder ihnen nachgibt, begünstigt solche Entwicklungen letztlich.
Viele Philosophen griffen Benjamins Positionen auf. Zu ihnen gehören nicht nur seine Freunde Adorno und Ahrendt, die auch seine Werke veröffentlichten, sondern auch Wolfgang Abendroth und die gesamte „Frankfurter Schule“ sowie der einstige Marburger Hochschullehrer Hans-Ulrich Gumbrecht. Brecht widmete Benjamin gleich drei Gedichte.
Benjamins Ansatz einer interdisziplinären geisteswissenschaftlichen Forschung ist heute ebenso zum geistigen Gemeingut geworden wie seine Verknpüpfung von Theorie und Praxis. Seine Forderung, Geschichte aus der Perspektive der Benachteiligten zu schreiben, ist heute immer noch hochaktuell. Die „Namenlosen“ waren auch dem Bildhauer Dani Karavan wichtig, der in Portbou ein eindrucksvolles Mahnmal für Benjamin errichtete.
Walter Bendix Schoenflies Benjamin wurde am 15. Juli 1892 in Charlottenburg geboren. Am 25. September 1940 wiesen spanische Grenzbeamte ihn ab, als er auf der Flucht dort einreisen wollte. Die Zurückweisung geflüchteter Menschen ist ein Verbrechen, das nicht nur den berühmten Philosophen, Poeten und Kinderfunkautor das Leben kostete, sondern zahlreiche ungenannte Menschen.
Das Mitgefühl für die „Namenlosen“ und der kritische Blick auf Geschichte als eine – ständig im Wandel begriffene – Entwicklung, die die Zukunft und ihre Chanceen anlegt und einengt, ist ebenso wichtig wie aktuell. Klimawandel und Migrationspolitik fordern eine kluge Auseinandersetzung mit der philosophischen Praxis dieses Menschen, der mit nur 48 Jahren Opfer einer mörderischen Einwanderungspolitik geworden ist.