Die Sprache der Liebe: Mein dauerhafter Dank an Erdmuthe Sturz

Über dem Tisch in meinem Wohnzimmer hängt ihr Bild. Erdmuthe Sturz starb am 28. September 2010.
In meinen Gedanken ist sie sehr oft bei mir. Voller Dankbarkeit erinnere ich mich an die wunderbaren Jahre mit ihr. Ihre vielfältigen Talente hat die Trauerrede von Dr. Hans-Josef Schöneberger sehr schön zusammengefasst.
16 Sprachen beherrschte meine Ehefrau mehr oder weniger gut. Hinzu kamen die Sprache der Musik, die Darstellende Kunst und die Bildende Kunst. Sie trat als Tänzerin auf und als Clownin, malte oder machte Musik und verzauberte damit nicht nur mich.
Wenn wir zusammen reisten, besuchte sie Museen und beschrieb mir hinterher ihre persönlichen „Highlights“. Wir wanderten oder schlenderten durch fremde Städte, wobei sie mir ihre Augen lieh. Sie war „mein liebevoller Spiegel“ und half mir, zu sehen, was Blinde sonst nicht sehen können.
Als sie im Herbst 2010 selber pflegebedürftig wurde, drehten sich unsere Rollen plötzlich um: Nun musste ich ihr den Tee eingießen und sie führen. Mit ihrem Rollator ging sie hinter mir durch die Wohnung oder setzte sich auf ihn.
Ich wischte ihr den Hintern ab und hielt sie beim Duschen fest. Ich hob sie von der Toilette auf oder half ihr hinab.
Sehr viel Mühe hat mich das gekostet, wo es doch all meine Konzentration erforderte. Für Blinde ist das Pflegen eines anderen Menschen nicht gerade leicht. Doch ich bemühte mich nach Kräften darum, alle Anforderungen so gut wie möglich zu erfüllen.
Nun konnte ich ihr ein wenig von dem zurückgeben, was sie mir zuvor 18 Jahre lang gegeben hatte. Ihre Mutterhalf dabei ebenso mit wie zahlreiche Freundinnen und Freunde von ihr und mir. Das berührte mich und machte mich zugleich sehr stark.
In den vier Jahren, seit Erdmuthe ihre Krebsdiagnose bekommen hatte, hat sie nur zweimal in meinem Beisein geweint. Nur ein einziges Mal haben wir uns während dieser Zeit gestritten, als sie verlangte, ins Hospiz gebracht zu werden. Das habe ich mit dem Argument abgelehnt, dass ich das so lange verhindern werde, wie ich nur irgendwie könnte.
Erdmuthe war eine starke und stolze Frau. Sie war klug und gebildet. Von ihr habe ich sehr viel gelernt.
Das Wichtigste, was sie mich lehrte, waren Empathie und das Bewusstsein für den Wert menschlichen Lebens. Jede Sekunde ist kostbar und jeder überflüssige Streit eine schnöde Vergeudung wertvoller Zeit. Zu streiten lohnt sich allerdings für Gerechtigkeit, Frieden und für die Umwelt.
In ihrem Sinne setze ich mich ein für mehr Klimaschutz und für Soziale Gerechtigkeit. Bei meinem Engagement ist sie immer an meiner seite. Ihr Foto über meinem Wohnzimmertisch mahnt mich zu Mitmenschlichkeit und Engagement.
Danke, geliebte Erdmuthe, für Deine Liebe und Deine Kraft. Davon zehre ich auch noch zehn Jahre nach Deinem Tod. Denn Du lebst weiter in meinen Taten, so hoffe ich heute doch sehr.