Namen sind Schwall und Brauch: Konflikte können Kriege werden

Jahrhundertelanger Kolonialismus hat tiefe Spuren hinterlassen in Europa Wichtiger als Debatten über Straßennamen sind aber konkrete Aktionen zur Unterstützung der Opfer.
Sicherlich ist auch eine breite Diskussion über die Namen von Straßen und Plätzen oder Schulen und über Denkmale notwendig, um alltäglichen rassismus und Kolonialismus anzugehen. Noch dringlicher ist aber die konkrete Solidarität mit Geflüchteten, die beispielsweise auf griechischen Inseln unter erbärmlichen Zuständen dahinvegetieren. Wichtig ist auch eine breitere Berichterstattung über Konflikte und Kriege in Afrika, asien und Lateinamerika.
In der äthiopischen Provinz Tigrei beispielsweise herrscht ein Krieg zwischen der Regionalregierung der nördlichen Provinz und der Zentralregierung von Äthiopien. Die Regierung unter Preierminister Abij Ahmet hat die Region abgeriegelt. Mehr als 100.000 Menschen dort erhalten deswegen keine Nahrungsmittelhilfe ehr.
Die Vereinten Nationen (UN) warnen vor einer dramatischen Hungerkatastrophe in Tigrei. Das müsste eigentlich alle Menschen alarmieren; aber europäische Medien haben schon in den vorangegangenen Wochen äußerst selten über die Übergriffe der Oromo auf die amharische Bevölkerung berichtet. Der islamistische Oromo-Anführer Jawar Mohammed hatte zur „Vernichtung“ der christlich-orthodoxen Amhara aufgerufen und damit mehr als 300 Morde ausgelöst.
Viele weitere ethnische Konflikte werden in den deutschen Medien hin und wieder mal aufgegriffen, um dann wieder aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit zu entschwinden. Die Geringschätzung er Menschen in den betroffenen Ländern drückt sich dadurch aus, dass ihr Leben den Medien weniger wichtig erscheint als beispielsweise der Streit alter weißer Männer um das Weiße Haus in Washington. Sicherlich ist auch diese Nachricht bedeutsam, aber ein wenig Platz könnte sie doch vielleicht trotzdem abtreten an andere existenzielle Konflikte weltweit.
Berichten Medien etwa nur darum wenig über die geplante Verklappung radioaktiven Wassers aus dem japanischen Atomkraftwerk Fukushima in den Pazifik, weil die Strahlung keine Menschen aus Europa träfe? Achten die Medien wirklich alle Menschen ohne Ansehen der Hautfarbe, Herkunft, Religion und ihrer politischen Position oder behandeln sie einige nicht doch bevorzugt?
Aufmerksamkeit wächst naturgemäß immer mit der persönlichen Bedrohung. Sie steigt bei geringerer Entfernung zu Ereignissen natürlich an. Doch zeigen die Erfahrungen der vergangenen Jahre klar, dass weit entfernte Konflikte irgendwann nach Europa kommen, weil Menschen vor ihnen hierher fliehen.
Wer die Reden von der angeblichen „Bekämpfung der Fluchtursachen“ ernst nimmt, muss mit der Berichterstattung und Analyse über Konflikte überall in der Welt beginnen. Sonst bleiben solche Parolen sinnentleerte Sonntagsreden. Vor Allem aber bleibt dann auch die Menschlichkeit auf der Strecke, die doch angeblich der wichtigste gemeinsame Wert der Europäischen Union (EU) sein soll.