Zum Geburtstag von Paul Celan: Erinnerung an einen Meister aus Deutschland

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“ Mit diesem Satz und seinem Gedicht „Todesfuge“ hat Paul Celan das Grauen der Shoa meisterhaft auf den Punkt gebracht.
Neben Bertolt Brecht, Franz Kafka und seinen beiden engen Freundinnen Ingeborg Bachmann und Nelly Sachs gehört Celan zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Seine Gedichte genießen Weltruhm ähnlich wie die von Johann Wolfgang Goethe und Bert Brecht. Seine „Todesfuge“ ist die bedeutendste literarische Auseinandersetzung mit der Shoa weltweit.
Geboren wurde der Dichter am 23. November 1920 in Czernowitz als Paul Andschel. Seine jüdische Herkunft prägte ihn zunächst noch weniger als die deutsche Sprache und Kultur, mit der er in der Bukowina aufwuchs. Nachdem seine Eltern beide von Nazis ermordet worden waren, wurde er das Trauma der „Überlebensschuld“ zeit seines Lebens nicht mehr los.
Die Auseinandersetzung mit ihr prägt sein literarisches Werk. Keinem istdie poetische und zugleich doch direkte Umsetzung des Unaussprechlichen so gut gelungen wie ihm. Dennoch wurde er selbst von bedeutenden Literaten anfangs verkannt und verhöhnt.
Verstört hat ihn die Reaktion der „Gruppe 47“, zu deren Sitzung 1952 in Wien ihn seine Freundin Ingeborg Bachmann mitgenommen hatte. Einige der Anwesenden machten sich über seinen „Singsang“ lustig und meinten, Celan lese „wie in der Synagoge“. Mit dieser peinlichen Arroganz enthoben sie sich freilich vor allem einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit seinen vir vorgetragenen Texten, zu denen auch die – damals noch unbekannte – „Todefuge“ zählte.
Erstmals gelesen habe ich sie in der Schule. Mein großartiger Deutschlehrer eröffnete mir als 17-jährigem Schüler damals den ersten Zugang zu Celans Werk. Doch verstanden habe ich seinerzeit nur einen Bruchteil dessen, was ich heute herauslesen kann.
Wieder und wieder habe ich gerade dieses großartige Gedichg gelesen oder gehört. Wenn Celan selbst es in seinem distanziert dramatischen „Singsang“ vorträgt, überläuft mich jedesmal ein Schauer. Bei fast jeder neuerlichen Konfrontation mit diesem werk entdecke ich weitere Feinheiten der kunstfertigen Auseinandersetzung mit Anspielungen auf literarische oder biblische Vorlagen andererseits oder geschichtliche Vorgänge sowie direkte Benennung der „Öfen“ und des „Grabs in den Wolken“.
Auch andere Gedichte Celans haben mich tief beeindruckt. Zu ihnen zählt etwa „Corona“, das er seiner Dichterkollegin Ingeborg Bachmann gewidmet hat. Auch in seinen späteren Gedichten erreicht Celan eine formvollendete Sprache und eine geniale Mischung aus Anspielungen und Direktheit.
Seine Meisterschaft ist Ausdruck seines Leidens an der „Überlebensschuld“. Die Frage „Warum lebe ich noch, wo sechs Millionen Menschen gestorben sind?“ brachte Celan in massive psychische Nöte. Mehrmals wurde er in Psychiatrischen Kliniken aufgenommen.
Vermutlich am 20. April 1970 beendete er in Paris sein Leben durch einen Sprung in die Seine. Als sie die Nachricht von seinem Tod erfuhr, starb auch die jüdische Literaturnobelpreisträgerin Nelly Sachs.
Gerade heute, wo Neonazis wieder unverhohlen mit der NS-Diktatur und Adolf Hitler „liebäugeln“, ist die Dichtkunst von Paul Celan und seiner Dichterfreundin Nelly Sachs von poetischer Dringlichkeit. Mir treibt es die Tränen in die Augen, wenn ich beim Hören seiner „Todesfuge“ an Rassismus und Rechtspopulismus denke. Auch für Horst Seehofers Umgang mit Geflüchteten auf dem Mittelmeer gilt leider Celans berühmtester Satz „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.