Zu Risiken und Nebenwirkunen: Merkels Mut macht Mut

„Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“ Eine Arznei ohne jegliche Nebenwirkung gibt es nicht.
Das gilt für das Impfen genauso wie für alle staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus. In beiden Fällen gilt es sogar in besonders hohem Maß, da dieses Virus erst seit weniger als eineinhalb Jahren bekannt ist. Umso wichtiger wäre Ehrlichkeit aller Verantwortlichen, wie Angela Merkel sie am Mittwoch (24. März) mit ihrem Eingeständnis eines Fehlers und der Bitte um Verzeihung in bewundernswerter Weise gezeigt hat.
Leider ist die Berichterstattung oft aber von Häme geprägt statt von einer solidarisch-kritischen Begleitung der Maßnahmen. Zudem werden vielfach Befindlichkeiten kolportiert, die weit weg sind von ernsthaftem Ringen um den richtigen Weg zum gesunden Überleben möglichst vieler Menschen. Anspruchsdenken wird verbreitet, als sei auch in einer Pandemie „ihr Urlaub“ ein höherrangiges Recht der Bevölkerung gegenüber der Gesundheit ihrer Mitmenschen.
Jahrzehntelange neoliberale Gehirnwäsche hat die Wahrnehmung vieler Menschen vernebelt. Egoismus ist ihnen so selbstverständlich zur Maxime ihres Handelns geworden, dass sie nicht verzichten wollen. Schon das Wort „Verzicht“ hat für viele einen unangenehmen Klang.
Demokratie ist jedoch nicht lebensfähig ohne Solidarität. Selbst Grundrechte stoßn da an Grenzen, wo ihre Ausübung die Grundrechte anderer beeinträchtigt. Das Recht auf Leben und Körperliche Unversehrtheit ist garantiert weitaus wichtiger als Besitz, Gewinn und wirtschaftliche Ansprüche.
Offenbar haben viele Medien bislang versäumt, die dramatische Bedeutung der Pandemie angemessen zu vermitteln. Das ist kein Spaziergang, sondern eine harte Probe für Mitmenschlichkeit weltweit. „Die Märkte“ und ihre jahrzehntelang gebetsmühlenartig gepredigte „Freiheit“ haben dafür gesorgt, dass Gemeinsinn und Gemeingüter wie das Gesundheitssystem geschädigt oder gar nachhaltig zerstört wurden, was sich nun in der Krise als katastrophal erweist.
Vielerorts ist zu hören, die Pandemie bringe nun die Schwächen der gesellschaftlichen Strukturen deutlich ans Tageslicht. Das stimmt nur bedingt: Bisher haben viele einfach die Augen vor diesem Unrecht zugemacht, das sie durchaus auch schon vorher hätten erkennen können.
Für Kinder ist dieser Lockdown besonders hart. Ihnen wird eine – mehr oder weniger – unbeschwerte Kindheit geraubt und zugleich damit auch noch viele Chancen auf Bildung im schulischen wie im sozialen Bereich. Doch Präsenzunterricht trotz grassierender Viren ist keine gute Option, wenn nicht gleichzeitig Klassenräume mit Luftfiltern ausgestattet und alle Voraussetzungen für qualitativ hochwertiges Homeschooling geschaffen werden.
„Vulnerable Gruppen“ sind ein Popans, mit dem suggeriert wird, für die meisten Menschen wäre das Virus harmlos. Tatsächlich können aber alle einen schweren Verlauf der Infektion erleiden und daran sterben. Jede und jeder muss ausreichenden Schutz vor dem Virus genießen.
Das Impfen kann ein Weg aus der Krise sein. Aber jeder Impfstoff hat auch Nebenwirkungen. Zudem sind nicht genügend Impfstoffe verfügbar, um alle schnell impfen zu können.
Der Wettlauf nach einem früheren Impftermin und das Gejammer um die angeblich „vergeigte Impfkampagne“ sind verständlich, aber nicht unbedingt angemessen. Mehr als 50 Länder weltweit haben noch keine einzige Dosis des Anti-Corona-Impfstoffs gesehen. In vielen dieser Länder gibt es auch kaum genug Kapazitäten in Krankenhäusern, von Beatmungsplätzen ganz zu schweigen.
Wer sich über angelibh zu langsames Impfen ereifert, der führt eine kolonialistische Luxusdebatte mit rassistischer Nebenwirkung. Während Israel die Krankendaten seiner Bevölkerung zugunsten einer beschleunigten Impfkampagne an die Pharmaindustrie verkauft hat, haben Palästinenser oder Araber in benachbarten Ländern kaum eine Chance auf eine Impfung oder Behandlung. Aber in Deutschland schreien die egoistischen Bauchnabel-Impfbefürworter trotz europäischer Gemeinschaftsbestellungen der Impfstoffe lauthals „Deutschland zuerst!“
Niemand konnte im Herbst 2020 wissen, welcher Impfstoff als erster fertig wird und wie er wirkt. Hinterher sind alle klüger. Doch die Neunmalklugen haben immer nur alles besser gewusst, aber selber noch vor wenigen Wochen den „Märkten“ gehuldigt.
Bundeskanzlerin Merkel hingegen packt an und zeigt Mut, auch zu ihren Fehlentscheidungen zu stehen. Das beweist Größe. Gegenüber einem winzig kleinen Virus ist das das Einzige, was hilft.
Die Verantwortlichen müssen aus ihren Fehlern lernen. Sie müssen endlich herausfinden, welche Wege am gefährlichsten sind bei der Übertragung der Pandemie und welche eher weniger. Sie müssen die Nebenwirkungen des Lockdown in Form von Vereinsamung und Depressionen ebenso im Auge behalten wie die Frage, ob eine Außengastronomie nicht weitaus weniger gefährlich ist als ein Großraumbüro oder eine Werkhalle. Sie sollten die heilsame Wirkung von Kunst und Kultur mindestens ebenso wertschätzen wie die notwendige Erarbeitung wirtschaftlicher Grundlagen für die Staatsfinanzen.
All das muss demnächst auf den Tisch, bevor die nächste Katastrophe volle Fahrt aufnimmt! Die Klimakatastrophe steht schon in den Startlöchern. Wenn Deutschland nicht aus seinen Fehlern lernt, wird es – zusammen mit der Mehrheit der Menschheit – elendiglich verbrennnen.