Flucht, Vertreibung, Versöhnung: Leere Lippenbekenntnisse oder lebendige Haltung?

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Montag (21. Juni) das Dokumentationszentrum „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in Berlin eröffnet. Auch ich stamme aus einer Familie mit Migrationsgeschichte.
Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden mein Großvater Augustinus Herrmann Hanke und seine gesamte Familie aus Danzig vertrieben. Mein Vater Günter Hanke hat mir häufig von der ersten Zeit nach Kriegsende unter russischer Besatzung erzählt. Mein Großvater hat damals im russischen Offizierskasino Klavier gespielt, berichtete mein Vater.
Da mein Großvater aufgrund seiner katholischen Grundhaltung immer in Opposition zum Hitler-Faschismus gestanden hatte, respektierten die russischen Offiziere ihn als aufrechten und anständigen Menschen. So erhielt er die Anstellung im Offizierskasino. Zur Bezahlung gehörte auch ein Teller Suppe an jedem Arbeitstag, erzählte mein Vater.
Nach vielleicht zwei Wochen habe mein Vater seine Tochter mitgebracht, um die Suppe an die Jugendliche abzutreten. Daraufhin wurden ihm zwei Teller hingestellt.
Als er beim nächsten Mal seinen Sohn mitbrachte, habe man ihm wieder zwei Teller hingestellt und ihn aufgefordert, künftig beide Kinder mitzubringen. „Die Russen waren kinderlieb“, erklärte mein Vater. „Dabei waren wir doch schon fast erwachsen.“
Irgendwann sei dann der Kommandeur gekommen und habe mit dem Ausdruck größten Bedauerns erklärt, dass die Familie Danzig verlassen müsse. Das sei „höheren Orts“ so beschlossen worden. Daran könne er leider nichts ändern.
Mit einem riesigen Fresskorb voller Lebensmittel machte sich die Familie Hanke wenige Tage später auf den Weg nach Westen. Dieser Weg endete für sie ganz im Westen deutschlands in der kleinen Stdadt Rheinbach bei Bonn. Dort lernte mein Vater meine Mutter Gudula Esser kennen, deren Vater dort bei der Post arbeitete.
Zeit seines Lebens hat Günter Hanke den Verlust seiner Heimatstadt Danzig nie ganz verschmerzt. Dort leben wolle er nun nicht mehr, denn er sei in Bonn längst heimisch geworden, erklärte er mir irgendwann Ende der 80er Jahre einmal. Doch jedes Jahr organisierte er eine große Busreise nach Danzig für den „Bund der Danziger“, dessen Vorsitzender er jahrelang war.
Dort wie auch als Landesgeschäftsführer und später Landesvorsitzender des „Bundes der Vertriebenen“ (BdV) setzte er sich immer für die Aussöhnung mit Polen und den anderen östlichen Nachbarländern Deutschlands aus. Insbesondere die Leistung polnischer restauratoren beim Wiederaufbau des historischen Stadtkerns von Danzig würdigte er immer mit großer Bewunderung. Faschismus hingegen – auch in der „Sudetendeutschen Landsmannschaft“ – war ihm aufgrund seiner eigenen Erfahrungen mit der NS-Diktatur unerträglich.
Sein Engagement in Vertriebenenorganisationen betrachtete er in erster Linie als Kulturpflege. Er wollte die Erinnerung an die Traditionen seiner alten Heimat wachhalten und darauf die Versöhnung mit deren heutigen Bewohnern aufbauen. So setzte er sich auch schon früh für die Aufnahme polnischer Emigranten aus Gdansk im „Bund der Danziger“ ein.
Meine Schwiegermutter Irmgard Sturz stammte aus Troppau im Sudetenland. Sie wurde aufgrund der Bennesch-Dekrete aus ihrer angestammten Heimat vertrieben. Auch sie pflegte die Erinnerung an ihre einstige Heimat bis zu ihrem Tod.
Als 2013 eine große Zahl geflüchteter Menschen nach Deutschland kam, erinnerte sie sich an ihr eigenes Schicksal als Flüchtling. Sie zeigte Mitgefühl und verurteilte abweisende Reaktionen in ihrem Bekanntenkreis. Sie erinnerte sich daran, wie in den späten 40er Jahren die Einheimischen auch die Flüchtlinge und Vertriebenen mit Argwohn beäugten und aus dem sozialen Leben oft ausgrenzten.
Meine Freundschaften zu geflüchteten Menschen sind deshalb vielleicht kein Zufall. Wenn ich Geschichten höre, die sie anderen Menschen kaum erzählen, dann packen mich Trauer, Zorn und Wut. Wer Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt oder ihnen jahrelang ein sicheres Bleiberecht in Deutschland verweigert, der hat von Menschlichkeit nicht ein winziges Bisschen verstanden.
„Versöhnung“ ist nicht nur die moralische Konsequenz aus der Verantwortung aus Nazi-Greueltaten, sondern auch ein Gebot humanistischer Ethik. „Versöhnung“ ist dabei nicht die Entschuldigung von Verbrechen, sondern die Bereitschaft zu mehr Mitmenschlichkeit in der Zukunft. Angesichts des immer stärker spürbaren Klimawandels und der Verantwortung gerade der hochindustrialisierten Länder hat Europa allen Grund, Geflüchtete nicht nur wegen Politischer Verfolgung oder Krieg, sondern auch wegen Hungers und wegen der Flucht vor Folgen des Klimawandels aufzunehmen.

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