Nah am Wasser gebaut: Meine Erfahrungen mit einer traurigen Welt

Hart sollte ich sein wie Stahl oder Beton; doch je älter ich werde, desto näher bin ich „am Wasser gebaut“. Musik und Film, Gedichte und Geschichten oder auch Erinnerungen können mich leicht zu Tränen bewegen.
Solche Geschichten und Erinnerungen möchte ich in meinem Blog erzählen. Anekdoten möchte ich ausbreiten wie einen bunten Flickenteppich. Leuchtende Farben sind darin ebenso eingewebt wie dunkle Flächen.
Das Wasser, das mir mit zunehmendem Alter immer öfter in die Augen steigt, hatte ich in jungen Jahren zurückhalten müssen< /a> wie ein Stausee. Die Staumauer aus Beton hat meine Gefühle eingemauert. Drinnen ist der Pegel der Tränen immer höher gestiegen, während draußen die Trockenheit immer unangenehmer drückte.
Heute weine ich, wenn ich Grund dazu habe. Ich weine meist mehr um andere als um mich selbst. Denn das Mitgefühl ist mit dem Wasserstand meiner unangenehmen Erfahrungen gestiegen wie ein warmes Getränk, das mich an Wintertagen von innen wohlig wärmt.
Manchmal weine ich heimlich nachts, weil ich meine Lieben nicht zum Weinen bringen mag. Manchmal weine ich alleine, weil ich allein Radio höre oder Musik. Mitunter weine ich im Konzert oder vereinzelt auch im Theater.
Manchmal packt mich die Wut und der Zorn. Wenn ich von Kriegen höre und vom
Sterben geflüchteter Menschen auf dem Mittelmeer, dann ringe ich sprachlos um Fassung. Behaupten all diejenigen Politiker, die das verantworten oder auch nur tatenlos mitansehen, sie seien „Christen“ und „Demokraten“?
Ein Kollege von mir hat das Konzentrationslager Buchenwald überlebt. Als alten Mann lernte ich Emil Carlebach kennen. Müsste er haute den Wiederaufstieg von Faschismus und Holocaustleugnung miterleben, wäre er wahrscheinlich noch verzweifelter als damals, als er im Altenheim an der unpolitischen Ignoranz seiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner verzweifelte.
Eine hochbetagte Frau durfte ich in ihrem kleinen Haus in Marburg interviewen. Mehr als 200 Jüdinnen und Juden hat sie vor dem Zugriff der Nazis gerettet und aus Deutschland hinausgeschmuggelt. Dafür ist sie selber ins „Zuchthaus“ gegangen.
Diese „Gerechte der Völker“ ist an dem Ort, wo sie starb, weigehend unbekannt. Eva Herrmann verdient jedoch nicht nur die Ehrung der Holocaust-Gedenkstätte „Yad Vashem“, sondern auch die der Universitätsstadt Marburg. Warum gedenken wir nicht der Toten, indem wir auch an ihre Beschützer erinnern und an diejenigen, die anderen das Leben gerettet haben?
Gegenüber dem großen Leid derjenigen, die einen oder gar zwei Weltkriege miterleben mussten wie meine Großväter, habe ich ein geruhsames Leben ohne Todesangst und Greuel erleben dürfen. Meine Tante hat im Zweiten Weltkrieg zwei kleine Kinder wegen Unterernährung verloren. Meiner Schwiegermutter ist aus dem gleichen Grund ebenfalls auf der Flucht ihre erst Tochter „weggestorben“.
Mein Vater Günter Hanke wurde aus seiner Heimatstadt Danzig vertrieben. Meine Mutter hat ihre eigene Mutter sterben sehen, weil Kunigunde Esser alles Essbare ihren Kindern gab und sich selbst für sie „aufopferte“. Was waren das damals doch noch für Zeiten, wo Deutschland noch Vorräte anlegeen musste aus Furcht vor Hunger und anicht an einen vollen Bauch oder gar den Überfluss denken durfte, der es heute selbstgerecht, satt und egoistisch werden lässt.
In Äthiopien hungern Millionen Menschen. In der Provinz Tigray herrscht Krieg. Doch der Kriegsverbrecher Abiy Ahmed, der Städte und Dörfer bombardieren lässt, trägt den Friedensnobelpreis immer noch als Auszeichnung mit sich herum!
Vom Jemen spricht kaum einer mehr. Afghanistan ist Abschiebeziel, während Afghanen dort bleiben müssen, die deutschen Soldaten den Rücken gestärkt haben, die das Land am Hindukusch nun fluchtartig verlassen. Mali wird in Deutschland nur dann zum Thema, wenn deutsche Soldaten dort angegriffen werden, wohingegen malische Menschen „unbemerkt“ sterben.
Rassismus regiert die Welt weiterhin. Der Kolonialismus von einst heißt jetzt „Globalisierung“. Ein „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ (BAMF) wendet sich in aller Regel gegen Geflüchtete und ist bereits durch seine bloße Existenz im Innenresort institutionalisierter Rassismus als „Bollwerk“ zur „Verteidigung“ der „Festung Europa“.
Die deutsche G’esellschaft ist weit davon entfernt, Gerechtigkeit zu üben, wenngleich das Wort „üben“ doch immer noch nicht das Gelingen verspricht. Das rassistische Attentat am 19. Februar 2020 in Hanau und der antisemitische Angriff auf die Synagoge in Hallle am 9. Oktober 2019 mahnen zu mehr Engagement für Menschenrechte und Demokratie. Die erschreckende Unterwanderung der Polizei – nicht nur in Hessen – müsste längst zu einer ganz anderen Asylpolitik geführt haben als der abeweisenden Ausgrenzung von Menschen, die vor Hunger und Krieg, Verfolgung und Angst den gefährlichen Weg über das Mittelmeer nach Europa auf sich genommen haben.
Die Abkürzung „NSU 2.0“ steht nicht nur für faschistische Netzwerke und rassistische Bedrohung, sondern auch für ein völliges Versagen der zuständigen „Innenpolitik“. Anstatt die Verbrecher konsequent zu verfolgen, verharmlosen die zuständigen Politiker sie als angebliche „Einzeltäter“ und nehmen „die Polizei“ pauschal in Schutz. „Racial Profiling“ wollte Bundesinnenminister Horst Seehofer mit fadenscheinigen Argumenten nicht einmal wissenschaftlich untersuchen lassen!
Manchmal fühle ich mich fehl am Platze in diesem Land, das doch bereits seit meiner Geburt meine Heimat ist. Manchmal bin ich traurig o der Verbrechen, die im Namen dieses Landes nicht nur an Hereros und Namas oder den Bewohnern der Insel Luv verübt wurden, sondern auch in Belgien, den Niederlanden, Frankreich,Spanien, Italien, Griechenland und Österreich sowie an Millionen Juden, Roma und Sinti, Schwulen und Lesben, Behinderten sowie überzeugten Christen, Kommunisten und Sozialdemokraten. Dennoch treten gerade diejenigen meist arrogant gegenüber Fremden auf, die als „Deutsche“ ihren „Stolz“ auf die Geschichte des Landes erklären, das mir eher eine Verpflichtung auferlegt zu Demut und Mitgefühl.
Als mehrfachbehinderter Blinder weiß ich leider aus eigener Erfahrung, was Ausgrenzung ist. Wer nicht in die üblichen Schubladen passt wie ich, der erlebt Ausgrenzung sogar durch andere Blinde. Wer nicht jeden einzelnen Menschen in seiner individuellen Eigenart sieht, der ist – in übertragenem Sinn – „blind“.
Der „Tunnelblick“ ist ein Teil meiner Sehbehinderung. Im übertragenen Sinne behindert er jedoch Zigtausende, die nur ihren eigenen Vorteil sehen und dabei ihren Blick nie nach rechts oder links wenden.
Das „Trockene Auge“ ist eine andere Augenerkrankung, die ich glücklicherweise nicht habe. Ich habe eher öfter mal feuchte Augen. Jedesmal, wenn mir eine Träne ins Auge kommt, erinnere ich mich meiner Kindheit und freue mich, dass ich nicht hart geworden bin wie Stahl oder Beton.
Große Gebäude aus Stahlbeton verrotten relativ schnell. Der Beton bröselt; und der Stahl rostet. Mein weiches Herz möchte ich mir noch viele Jahre oder gar Jahrzehnte lang bewahren bis zu meinem – hoffentlich friedvollen – Tod.