Untergegangene Zeiten: Die Flut, der Fluch und die Flucht vor der Wahrheit

Ortsnamen aus Kindertagen berühren mich auf bestürzende Weise. Ahrweiler, Altenahr, Dernau und Schuld oder Erftstadt und die Steinbachtalsperre sind mir aus Kinder- und Jugendtagen vertraut.
Aufgewachsen bin ich in Bonn. Meine Mutter stammte aus Rheinbach. Von dort ist es nicht weit bis zur Steinbachtalsperre und evakuierten Dörfern wie Miel.letzte Woche
„Steinbachtalsperre“ las ich fast jeden Tag auf dem Zielschild vorbeifahrender Busse der Linie 36, wenn ich meinen Schulweg zum Helmholtz-Gymnasium über die damalige „Bonnder Straße“ in Duisdorf nahm. Heimerzheim und Miel lagen an der Strecke, die die Busse der Marke Büssing über die Bundesstraße 56 von Bonn aus nach Westen nahmen. Tagelang waren die Anwohner von Miel wegen Überlaufgefahr der benachbarten Talsperre nach Heimerzheim evakuiert.
Während meiner Jugend unternahm ich mehrmals Ausflüge an die Ahr. Öfters bin ich mit meinem Jugendfreund Christian Marquordt im Auto die kurvenreiche Straße von Dernau im Ahrtal am Regierungsbunker vorbei hinauf- oder hinuntergefahren. Schuld oder Insul lagen mitunter ebenso auf unserem Weg wie Altenahr oder Adenau.
Vor vielleicht 15 Jahren habe ich mit meiner Ehefrau Erdmuthe Sturz Bad Neuenahr-Ahrweiler besucht. Damals gefiel uns die liebevoll restaurierte Altstadt von Ahrweiler, während uns die in ein Betonbett eingezwängte Ahr schon damals merkwürdig berührte.
Ich erinnere mich an einen Ausflug mit meinem Großvater und meinem Vater an die Ahr, den wir im Auto unseres Nachbarn unternahmen. Damals zitierte er einen Spruch über die Region: „Wer an der Ahr war und sah die Ahr, der war nicht an der Ahr; wer aber an der Ahr war und sah nicht die Ahr, der sah die Ahr!!“
Das dürfte in bedrückender Form gerade jetzt zu Zeiten der Flutkatastrophe gelten. Weniger angebracht erscheint hingegen der Witz, den mein Vater über die Konkurrenz zweier Winzer erzählte, von denen derjenige an der Ahr demjenigen an der Mosel immer den Namen entlehnte, woraufhin der Moselwinzer nach „Moselgolg“ und dem darauffolgenden „Ahrgold“ sowie „Moselfein“ und anschließend „Ahrfein“ seinen Wein schließlich „Moselschlecker“ taufte.
Auch der Kunstname „Erftstadt“ ist mir aus der Jugend bereits vertraut, wenngleich ich den Ortsteil Blessem nicht kannte. Geläufig waren mir Köttingen und Liblar sowie der Liblarer See und der – schon damals erschreckende – Braunkohletagebau in dieser Region.
Ein Rückhaltebecken für Hochwasser gab es unten am Fuße des Venusbergs in Kessenich auch. Gleich nebenan wohnte Peter Paul Riegel, dessen Lakritzfabrik „HaRiBo“ uns jahrelang Gummibärchen und Süßigkeiten im Gegenzug für – in den wäldern gesammelte – Eicheln und Kastanien gab.
Die beschauliche und behagliche Landschaft meiner Kindheit hat nun eine apokalyptische Offenbarung des Klimawandels erleben müssen. Mein Mitgefühl vermischt sich mit der Sorge vor einer Zukunft, die die Menschheit schon längst aufs Spiel gesetzt hat. Die arroganten Allmachtsphantasien und die ignorante Vorstellung, Klimaschutz müsse den „Marktinteressen“ neoliberaler Wirtschaft gehorchen, sind in wenigen Stunden untergegangen in der Angst um das nackte Leben, um die Lieben und um die wirtschaftliche Existenz tausender Menschen.
Trauer mischt sich mit Wut. Vor 40 Jahren bereits hatte ich bei den Grünen für eine Umkehr geworben. Doch die Partei ließ sich korrumpieren hin zu einem Schönwettervegetarismus und der Zustimmung zu verbrecherischen Kriegseinsätzen sowie zu lukrativem Handel mit Waffen und Überwachungstechnologie.
Wer jedoch jetzt nicht sofort an die Wurzeln der neoliberalen Zerstörung von Natur und Zivilisation geht, der macht sich ebenso mitschuldig für jedes weitere Opfer wie all diejenigen, die weiterhin Autobahnen durch Wälder bauen, Braunkohle aus dem Boden baggern oder neue Kohlekraftwerke ans Stromnetz anschließen. Entweder wird dem Raubbau an Natur und Menschheit baldmöglichst der Boden entzogen, oder die Menschen müssen sich auf immer mehr Dürreperioden, Dauerstarkregen und Flutkatastrophen einstellen. Neoliberalismus tötet – und das nicht erst seit Kurzem!

Ein Kommentar zu “Untergegangene Zeiten: Die Flut, der Fluch und die Flucht vor der Wahrheit

  1. Pingback: Geht´s noch: Vorausschauende Vernunft gebietet Verbot und Verzicht | Franz-Josef Hanke

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.