Totgesagte leben länger: Mikis Theodorakis bleibt unsterblich

Andere Komponisten haben Noten auf Papier geschrieben. Mikis Theodorakis hat die Nöte der Menschheit in Tönen

ausgedrückt, die die ganze Tiefe seines einzigartigen Lebens im KZ und im Widerstand gegen Faschismus zum Klingen bringen.
Im Alter von 96 Jahren ist der bedeutendste antifaschistische Komponist aller Zeiten jetzt gestorben. Seine Tiefe hat er durch eine persönliche Leidensgeschichte errungen, die sich kein anderer Mensch wirklich vorstellen kann. Was Ludwig van Beethoven der Verlust des Gehörs zugleich an Qual als auch an Klangkraft gebracht hat, das gewährte Theodorakis die Erfahrung im Widerstand mit Gefangenschaft und Folter.
Sein „Lied vom Kapitän Zacharias““aus dem Jahr 1939 war während des 2. Weltkriegs bereits zum offiziellen Widerstandslied der griechischen Marine geworden. Bereits als Jugendlicher hatte er sich dem antifaschistischen Widerstand angeschlossen. Dafür wurde er ins Konzentrationslager und ins Gefängnis gesperrt, gefoltert und politisch verfolgt.
Zweimal war Theodorakis lebendig begraben. Zweimal hat er gewalttätige faschistische Diktaturen im Gefängnis überlebt.
In seinem Liederzyklus „Mauthausen“ hat er 1965 die – 1963 entstandenen – Verse des KZ-Überlebenden Iakovos Kambanellis eindringlich und eindrucksvoll vertont. Dabei wusste er aus eigener Erfahrung, wie sich das Dasein im Konzentrationslager anfühlt. Die tägliche Trauer und Angst, die aufkeimende Hoffnung und die immer wiederkehrende Verlängerung des Leidens finden hier einen musikalischen Ausdruck ehrlichster Betroffenheit.
Ebenso gilt das auch für seinen „Canto General“. Auf Verse des Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda hat er die Auseinandersetzung mit dem ewigen Elend der Menschen vertont. Auch dieses Werk überzeugt durch seine Tiefe und musikalische Ausdruckskraft.
Aber auch seine vielen Lieder sind Meisterwerke mitmenschlichen Musikempfindens. Er hat sich die Volksmusik seiner Heimat angeeignet und sie so großartig in Töne gekleiet, dass seine Musik selber längst zum Inbegriff griechischer Volksmusik geworden ist. Jahrzehntelang gab es kaum ein griechisches Restaurant, wo diese Lieder nicht zu hören gewesen wären.
Am Ende aber trauere ich nicht nur um den Komponisten und Widerstandskämpfer Theodorakis, sondern noch mehr um den Menschen, den ein ganzes Land heute als Helden verehrt. Sein Mut und seine Geradlinigkeit – bei allen Irrungen und wirrungen der griechischen Geschichte und auch ihres „Helden“ – mögen der Welt ein Vorbild sein. Der „Che Guevara Europas“, wie ihn mein Schulkamerad Roger Willemsen einmal bezeichnet hat, wird nicht nur in seiner Musik weiterleben, sondern auch in den Herzen aller humanistisch gesinnten Menschen.