Weiterdenken und Klimaschutz wählen: Das primitive Gehirn muss noch viel lernen

Trotz des dramatischen Klimawandels konzentriert sich der Wahlkampf weitgehend auf Lapalien. Anlässlich der Bundestagswahl am Sonntag (26. September) habe ich mir tiefergehende Gedanken zu menschlicher Intelligenz und der Fähigkeit zu vorausschauendem Verhalten gemacht.
Verdrängung ist eine bewährte Strategie des menschlichen Gehirns, sich nicht durch unangenehme Wahrheiten in Dauerstress zu setzen. Zugleich ist sie aber auch ein Grund für unangemessene Reaktionen auf drohende Gefahren. Besonders langfristige Vorgänge verschieben viele Menschen gern immer weiter, bis es dann irgendwann zu spät ist.
Das Festhalten an bekannten und scheinbar bewährten Strukturen und Verhaltensweisen ist eine weitere Eigenschaft menschlichen Denkens. Sie erleichtert das Leben im Alltag jedoch nur kurzfristig, während sie auf Dauer später wesentlich weitreichendere Verhaltensänderungen notwendig macht. So bewegen sich viele Menschen „sehenden Auges“ ins eigene Verderben.
„Man sollte alle Entscheidungen immer vom Ende her denken“, forderte vor 2.000 Jahren bereits der römische Rhetoriker Cicero. Dieses Denken jedoch fällt vielen Menschen offenbar sehr schwer. Vernetztes Denken scheint dem menschlichen Gehirn gar gänzlich unmöglich zu sein.
Dabei ist das Gehirn selbst eine vernetzte Struktur großartigster Qualität. Damit entspricht es auch den vernetzen Strukturen überall in der Natur, deren vielfältiges Zusammenwirken die Wissenschaft gerade erst zu verstehen beginnt. Offenbar ist das mechanistische Weltbild des 19. und 20. Jahrhunderts ungeeignet für die Erkenntnis derart ausgeprägter Vernetzungssysteme.
Das menschliche Gehirn selbst ist in seiner evolutionären Entwicklung noch nicht bis zu dem Reifegrad vorgedrungen, den es zur Bewältigung solch komplexer Verständnisprozesse benötigen würde. Es denkt immer noch in einer Ursache und einer Wirkung, aber noch nicht in der Berücksichtigung all der Ausirkungskaskaden, den eine kleine Ursache möglicherweise auslösen kann. Das menschliche Gehirn ist überaus primitiv in seinem Denken, obwohl es in seiner biologischen Anlage höchst komplex angelegt ist.
Noch betrachten viele Menschen „Leben“ als die Spanne der Existenz eines Menschen – oder vielleicht auch eines Tiers – von seiner Geburt oder vielleicht gar seiner Zeugung bis zu seinem Tod. Unberücksichtigt bleibt dabei die Bedingtheit jedes Lebens durch Umweltfaktoren wie Licht, Luft, Wasser, Nahrung und geistige Anregung. Viele Menschen betrachteten sich als „Krone der Schöpfung“, obwohl sie ihre mühsam aufpolierte „Krone“ zumeist aus ausbeuterischem Verhalten gegenüber Mitmenschen und Natur geschöpft haben.
Die Epoche der Aufklärung hat das Individuum und seinen Verstand in den Mittelpunkt ihres Denkens gerückt. So richtig die Aufforderung des Philosophen Immanuel Kant, „Habe den Mut, Deinen Verstand zu gebrauchen“! auch ist, so wenig haben die nachfolgenden Generationen sie und seinen „Kategorischen Imperativ“ konsequent umgesetzt und ihre eigene Beschränktheit erkannt. Dabei erklärte bereits das Orakel von Delphi, Sokrates sei der klügste Grieche, weil „er weiß, dass er nichts weiß“.
Die Erkenntnisinteressen der Wissenschaften indes gingen mehr als 200 Jahre lang häufig Seite an Seite mit den Vermarktungsinteressen liberaler und später neoliberaler Unternehmen. Gier und Größenwahn führten zu Raubbau an Mensch und Natur sowie zu dem Anspruch, „die Märkte“ müssten möglichst frei sein von jeglicher Regulierung. Der Neoliberalismus entwickelte sich zu einer Art Ersatzreligion, die ebenso monotheistische Ansprüche auf alleinige Herrschaft einforderte wie die abrahamitischen Religionen zuvor.
Kolonialismus war eine der üblen Ausgeburten dieses kapitalistischen Größenwahns. Europäische Unternehmer, Miltärs und Politiker kamen nach Amerika, Australien und Afrika, um sich Land und Leute anzueignen und zu unterwerfen. Angeblich „christliche“ Missionare zwangen ihnen die in Europa damals herrschende Interpretation ihrer Religion auf und verdrängten Kultur und Spiritualität dieser angeblich unterlegenen „Wilden“.
Dabei besaßen fast alle so untergepflügten Religionen und Riten eine Ausrichtung am Respekt vor der Natur, den Ahnen und dem Zusammenleben in Gemeinschaft mit anderen Lebewesen. Bäume wurden geehrt und Tiere geachtet. Primitiv waren nicht diese Naturvölker, sondern in Wirklichkeit vielmehr die Kolonialisten, die Tausende von Menschen ausraubten, unterdrückten, versklavten und ermordeten.
Allmählich beginnen die Europäer ansatzweise, die Verbrechen ihrer Vorfahren überhaupt kritisch zu reflektieren. Allmählich beginnt die Wissenschaft, neuronale Strukturen in den Wurzeln von Pflanzen und Bäumen als Träger der fähigkeit dieser Lebewesen zu verstehen, mit anderen Lebewesen zu kommunizieren. Allmählich beginnt die Menschheit, zu begreifen, dass die jahrhunderteange Prägung durch kapitalistische Gier, rassistischen Überlegenheitswahn und naturfremde Ausplünderung das eigene Verderben vorprogrammiert hat.
Doch die Politik ist immer noch nicht weit genug. Immer noch treten Politiker als „Kanzlerkandidat“ zur bundestagswahl an, die den Klimawandel im Hambacher Forst oder in der „Großen Koalition“ jahrzehntelang mit vorangetrieben haben. Immer noch schwadronieren Politiker über „Wirtschaftswachstum“ und „Wohlstand“ in einer längst nicht mehr haltbaren Form. Wirklicher Wohlstand ist jedoch nur dann erreichbar, wenn alle –
Bevölkerung, Politik und Wirtschaft – die Mitwelt als notwendige Voraussetzung des eigenen Lebens nicht nur respektieren, sondern auch achten und pflegen. Wirklicher wohlstand ist niemals möglich, solange eine rassistische Politik die späten Opfer früherer kolonialistischer Schandtaten im Mittelmeer ertrinken, an Grenzen abweisen oder aus dem Land in irgendwelche anderen Länder „zurück“ abschiebt. Wohlstand ist letztlich die Fähigkeit, sich im Einklang mit Natur, Lebewesen, Pflanzen und dem Weltall auf die wahren Reichtümber zurückzuziehen. Der größte Reichtum jedes Menschen ist seine Fähigkeit, mit anderen –
Menschen, Tieren und Pflanzen – in Frieden zusammenzuleben. Das mag esotherisch klingen, ist aber letztlich die unabweisbare Folge der Erkenntnis, dass Gier, Hass, Neid, Krieg und Umweltzerstörung keine Zukunft haben.