Respekt oder Ungeduld: Gegen Oberflächliches und Ideologisches

Mit zunehmendem Alter werde ich immer ungeduldiger. Die sich stets wiederholenden Debatten über Lapalien nerven mich.
Immer schneller rennt mir meine wertvolle Lebenszeit davon. Immer irrelevanter erscheinen mir angesichts dessen Debatten über symbolische Handlungen wie das übermäßige Gendern in endlosen Aufzählungen von Vertreter*innen verschiedener Gruppen oder über die Umbenennung von Straßen. Grundsätzlich bin ich zwar für solche Aktivitäten, doch bergen sie meines Erachtens – vor allem mit dem dabei oft feststellbaren ideologischen Absolutheitsanspruch – die Gefahr, vom eigentlichen Kern des Anliegens abzulenken.
Ideologische Absolutheitsansprüche sind mir ohnehin ein Grauen. Sie erinnern mich an meine Studienzeit und die Debatten selbstgerechter „Vorkämpfer der Arbeiterklasse“ über den einzig richtigen Weg, bei denen Arbeiter ausgelacht wurden, wenn sie auch einmal in ihrer wenig intellektuellen Ausdrucksweise das Wort ergriffen. Sie erinnern mich an meine Auseinandersetzung mit linientreuen Pseudo-„Kommunisten“, de Atomkraftwerke im Westen zu Recht kritisierten, solche Anlagen in der DDR oder der Sowjetunion aber krampfhaft verteidigten.
Ideologien sind immer geprägt von der Verengung des Denkens und damit gefährlich. Ideologen sind meist bereit, ihrer vermeintlich „guten Sache“ andere gute Errungenschaften oder gar Menschen zu „opfern“, was letztendlich zu grausamen Regimes wie der stalinisttischen Sowjetunion oder der Stasi-Diktatur in der DDR sowie den Greueltaten des Mao-Regimes in China führt.
„Sprache ist eine Waffe; haltet sie scharf“, forderte einst der große Satiriker Kurt Tucholsky. Sprache ist tatsächlich in der Lage, das Denken zu verändern und damit dann in der Folge auch die Welt. Darum sollten die Menschen wirklich Wert legen auf eine geschlechtergerechte und menschenfreundliche Sprache.
Wichtiger als dieser Weg zu mehr Gerechtigkeit ist jedoch das Ziel: Mitunter gewinne ich den Eindruck, dass eine mit Absolutheitsanspruch eingeforderte Sprachänderung zu einer Art Ablass mutiert für nicht geleistetes Engagement bie der dadurch angestrebten Veränderung. Nicht die Strukturen des Kolonialismus in Deutschland wie beispielsweise das fälschlicherweise „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ genannte BAMF, sondern Straßennamen wie die „Mohrenstraße“ oder eine „Mohren-Apotheke“ werden zum Aufreger, was den Opfern des Rassismus in Deutschland bei ihrem Kampf um ihr Bleiberecht wenig hilft.
Meine Liebe zur Sprache ist ein weiterer Grund, warum ich zwar sehr sprachsensibel bin, aber niemals ideologisch mit Sprache umgehen mag. Sprache ist für mich ein individueller Ausdruck persönlicher Denkweisen. Anregungen zu Sprachänderungen sind mir deshalb sehr recht, Vorschriften dazu aber überaus suspekt.
Diktaturen verbrämen ihre Unmenschlichkeit meist mit vertuschenden Worten und Redewendungen. Schmutzige Industrien verkaufen ihren Dreck als angeblich „saubere“ Produkte. Verkürzte Sprache in den – zu Unrecht so genannten –
„Social Media“ beschießen die Nutzenden mit Wortfetzen, die wie Schrotkugeln auf ihr Gehirn einprallen.
Meine Sprache ist mir lieb und teuer. Andere mögen ihre eigenen Ausdrücke für die Dinge finden, die ihnen wichtig sind. Das alles ist mir wichtig.
Doch ideolotische Sprachregeln sind mir zutiefst zuwider. Auch das allerbeste Ziel rechtfertigt keine „Sprachpolizei“. Jede und jeder muss selber entscheiden, wie er oder sie spricht und schreibt oder was sie liest.
Behörden indes müssen auch daran denken, dass ihre Texte für alle lesbar sein müssen. Wenn sie schon nicht Einfache Sprache benutzen, dann sollten sie wenigstens zurückhaltend mit Sprachbarrieren umgehen. Das und nichts Anderes habe ich am Samstag (9. Oktober) in einem Kommentar „Gerecht gendern“ gefordert, für den ich von einigen kritisiert worden bin.
Respekt gegenüber Frauen und Trans*menschen muss nicht zu Respektlosigkeit genüber Lern- und Sinnesbehinderten führen. Gegen maßvolles Gendern habe ich mich nicht geäußert und werde das auch nicht tun. Mir geht und ging es ausschließlich um ein „Übergendern“, das Gender-Sternchen in langer Folge aneinander anschloss und zusammengesetzte Wörter damit so auseinanderriss, dass der Sinngehalt mir mit meiner Sprachausgabe unter der Sonderzeichenansage nicht mehr ankam.
Menschen, die mir meine persönlichen Erfahrungen absprechen, kann ich leider nicht ernst nehmen. Menschen, die ableistische Forderungen erheben, die meine Situation als mehrfachbehinderter Blinder nicht berücksichtigen, sollten noch einmal selbstkritisch über ihre Rechthaberei nachdenken. Menschen, die mir absprechen, wirklich behindert oder mehrfachbehindert zu sein, diskutieren gar nicht mit mir, sondern nur mit einem selbst aufgebauten Popans.
Mit Leuten, die Texte kritisieren, die sie offenkundig nicht gelesen oder zumindest nicht verstanden haben, werde ich nun aber nicht weiter diskutieren. Dafür ist mir meine wertvolle Lebenszeit einfach zu schade. Sie möchte ich vielmehr in ein – hoffentlich wirksames – Engagement für die >Überwindung menschenfeindlicher Strukturen der deutschen Politik und in den Kampf für mehr Klimaschutz stecken.