Lustiges Lessenich: Meine Kindheit zwischen Kirche und katholischer Dorfschule

Lessenich war ziemlich klein. Auf mich wirkte es damals groß, denn seinerzeit war ich noch recht klein.
Der Pfarrer legte viel Wert darauf, dass er „Oberpfarrer“ sei. Der Oberlehrer hingegen legte wenig Wert auf seinen „Ober“, sondern mehr auf eine Erziehung der Kinder zu guten Menschen.
Die alte Schule lag an dem einen Ende des kleinen Platzes, an dessen anderem Ende das Pfarrhaus mit dem großen ummauerten Garten stand. Am Kopfende dieses Platzes stand die romanische Kirche, der gegenüber die einzige Gastwirtschaft des Ortes die Kirchbesucher nicht nur sonntags nach der „Heiligen Messe“ anlockte.
Hinter der Schule befand sich der Friedhof, dessen Eingang ein vergittertes Metalltor neben dem Schulhaus verschloss. In dem alten Schulgebäude befanden sich neben der Wohnung des Oberlehrers drei Klassenräume und die Garage für die Feuerwehrspritze. Darin übte der Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr Lessenich für seine Umzüge durch das Dorf.
Vier Jahre lang besuchte ich die Sankt-Laurentius-Schule Lessenich. Drei davon lief ich morgens zu dem alten Schulhaus und mittags wieder zurück zu meinem Elternhaus. Dabei ging ich das „Friedhofsgäßchen“ entlang, das eine hohe Mauer vom Friedhof trennte.
Wenn ich von der Schule kam, musste ich am Ende dieses schmalen Gässchens nur die Straße überqueren, die für uns die „Hauptstraße“ war, obwohl sie damals „Gartenstraße“ hieß. Den Namen „Hauptstraße“ grug damas eine schmale Straße, die von der „Kreuzung“ beim Trafohäusschen geradewegs zum Kirchplatz führte und dann nach rechts in den Grünen Weg abknickte, der heute „Roncallistraße“ heißt.
„Gartenstraße“ hieß jedoch nicht nur jene Hauptverkehrsstraße von Lessenich, die mir als Kind ziemlich groß erschien, sondern auch zwei Nebenstraßen, deren eine dem Ende des Friedhofsgäßchens nur leicht links versetzt gegenüber lag. An deren Ende wohnten wir in einem Doppelhaus.
Unser Haus war leicht zurückversetzt gegenüber der Reihe der anderen beiden Häuser an unserer Sackgasse. Jedes Haus besaß zwei Doppelhaushälften mit jeweils zwei Etagen und einem Satteldach.
Zur Haustür führten zwei Stufen von dem Wendehammer aus, der das Ende der geteerten Straße bildete. Dann begann ein Feldweg zur Plantage des Bauern, dessen Haus an der Einmündung der Sackgasse in die Gartenstraße lag. „Vorsicht, bissiger Hund“, warnte ein Schild an seinem Tor vor einem Tier, das ich niemals zu hören oder zu sehen bekam und das wohl längst verstorben und zeitlebens niemals bissig gewesen war.
Als ich in der zweiten Klasse war, zog die Schule um in einen Neubau an der Gartenstraße. Fortan musste ich keine Straße mehr überqueren und nur noch auf dem getterten Gehweg an der Hauptverkehrsstraße entlang zu dem roten Backsteinbau laufen, der durch einen geteerten Schulhof und eine Wiese von der Straße getrennt wurde. Aber auch in dem neuen Gebäude wurde der Unterricht der ersten und zweiten, der dritten und vierten sowie der fünften bis achten Klasse jeweils in einer altersübergreifenden Lerngruppe abgehalten.
Immerhin gab es hier keinen Kanonenofen mehr, der im Winter bullerte und den die Schüler zwischendurch mit Brennholz, Briketts und Kohle befeuern mussten. Die Räume waren hell; und unten gab es sogar einen kleinen überdachten Pausenhof.
Auch „Karli“ bekam ich hier nicht mehr zu Gesicht. „Karli“ war der Name des Zeigestocks, mit dem der Oberlehrer ungezogene Schüler züchtigte. Seinen Namen hatte er von demjenigen Schüler bekommen, der als Erster und vermutlich auch Einziger jemals mit diesem Stock geschlagen worden war.
Der Oberlehrer war nämlich ein friedlicher Mann. Kostenlos erteilte er mir Flötenunterricht. Über „G, G, A, A, H, G“ kam ich jedoch nicht hinaus.
Ob mich das Lied „Üb nur immer fleißig“ eher über- oder unterforderte, vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Damals war ich erst fünf Jahre alt und neigte zum Jähzorn. Als ich in einer Flötenstunde nicht zurechtkam, warf ich dem irritierten Oberlehrer meine Blockflöte wütend vor die Füße.
Später berichtete mir ein Mitschüler, das habe den armen Pädagogen sehr schockiert. Er habe gedacht, der Flötenunterricht sei harmlos. Zumindest harmloser als Schwimmunterricht sollte er werden, da dem Oberlehrer bei einer Schwimmstunde einmal ein Kind abgesoffen war, was ihn zutiefst erschüttert hatte, weshalb er dann lieber zur Blockflöte übergegangen war.
Gegenüber vom neuen Schulgebäude befand sich eine Bäckerei und eine Metzgerei. Daneben war „die Kreuzung“. Inmitten von dieser Kreuzung befand sich eine Verkehrsinsel mit einem Trafohäuschen.
An dieser Kreuzung knickte die Gartenstraße nach links ab in die Bahnhofstraße. Rechts bog eine schmale Straße ab in Richtung Alfter. Geradeaus – auf zwei Seiten am Trafohäuschen vorbei – führte eine Straße in Richtung Oedekoven, die sich kurz vor dem Ortsausgang gabelte.
Gleich hinter der großen Kreuzung bog links die Hauptstraße ab in Richtung Kirche. Eines der ersten Fachwerkhäuser rechts in der schmalen Hauptstraße war der Hof des Kohlenhändlers. Kohlen, Koks und Briketts fuhr er in den 60er Jahren noch mit einem Pferdefuhrwerk aus, wobei ein dunkel gekleideter „Knecht“ dem ebenfalls dunkel angezogenen Kohlenhändler beim Tragen der Säcke half.
Sein Pferdewagen wie auch das dunkelgrüne Goli-Dreirad des Lumpenhändlers waren Gefährte, die ich während meiner Kindheit gerne beobachtete. Mit latem Klingeln einer Schelle, die er aus dem geöffneten Fahrerfenster hinaushielt, kündigte der Lumpenhändler mit rostiger Stimme sein Kommen an: „Lumpen, altes Eisen!“ Mit großem Interesse beobachtete ich auch die Busse der Linie 26 „Bahnhof –
Dransdorf – Lessenich“, die in 20-Minuten-Abstand die Gartenstraße befuhren und mit denen mein Vater morgens zur Arbeit und abends wieder heimfuhr. Meist waren es hell heulende Busse der Marke Büssing, manchmal aber auch brummende Omnibusse von Mercedes-Benz, die genau an der Verkehrsinsel beim Trafohäuschen mitten auf der „Kreuzung“ anhielten, bevor sie die Bahnhofstraße entlang weiterfuhren bis zur Ortsgrenze an der „Alten Heerstraße“, wo ihre Endstation war.
Während sich an der baumbestandenen Bahnhofstraße in Richtung Duisdorf überwiegend eher ältere Häuser aneinanderreihten, waren die anderen Straßen meist mit neueren Wohnhäusern bebaut. Auch an der Gartenstraße in Richtung des Lessenicher Ortsteils Meßdorf standen eher ältere Häuser, wobei immer mehr Neubauten die Baulücken zwischen den beiden einstigen Dörfern nach und nach vollständig füllten.
Immer mehr Familien siedelten sich in den Reihenhäusern und Einfamilienhäusern am Dorfrand an. Während die Ureinwohner ausnahmslos den rheinischen Dialekt sprachen, redeten die Zugezogenen hochdeutsch oder manchmal auch schwäbisch.
Mein Vater redete Hochdeutsch, wogegen meine Mutter ihren rheinischen Dialekt pflegte. Mit ihren Geschwistern aus Rheinbach „kallte“ sie „Rhemisch“ Platt, wie der spezielle Dialekt ihrer Heimatstadt Rheinbach genannt wurde. Gerne höre ich Wolfgang Niedecken zu, der genau diese Mundart mit seinen Liedern weit über das Rheinland hinaus bekannt gemacht hat.
Dass ich selber als Kind „Hochdeutsch mit Knubbelen“ redete, war mir damals nicht bewusst. Fast alle in Lessenich redeten so. Das Hochdeutsch mit Zischendem „Ch“ und dem singenden Tonfall war im Alltag ebenso verbreitet wie in der Schule.
Allerdings führte dieser Dialekt manchmal auch zu mancher Erheiterung. Besonders lustig war der Küster der Laurentiuskirche, der im Gottesdienst auch als Vorleser und Vorbeter fungierte. Der hochbetagte Mann hatte seinen Bauernhof an der Hauptstraße und es von dort nicht allzu weit zur Kirche.
Dort las er auf „Hochdeutsch mit Knubbelen“ aus der Bibel vor oder betete: „Möje der jütije jott … “ Dann fiel ihm ein, dass es auf Hochdeutsch auch das „G“ gibt und er fuhr mit stolzer Betonung fort “ … uns seinen Sohn Gesus schicken“.

13 Kommentare zu “Lustiges Lessenich: Meine Kindheit zwischen Kirche und katholischer Dorfschule

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