Lateinisches Lessenich: Meine Kindheit zwischen Kirche und katholischer Dorfschule

Lessenich geht auf eine römische Gründung zurück. Alle Ortschaften mit der Endung „enich“ im Rheinland stammen aus der Römerzeit.
Die Endung „enich“ bei Lessenich und Kessenich oder Keldenich leitet sich aus der lateinischen Wortendung „enicum“ ab. Lessenich dürfte vor nahezu 2.000 Jahren also einmal „Lassenicum“ geheißen haben.
Darauf verwies mit stolzgeschwellter Brust Anfang der 60er Jahre auch der damalige Oberpfarrer, der betonte, dass seine Pfarrei die älteste weit und breit sei. Diese lange Geschichte habe der Pfarrei bereits vor 800 Jahren zu der Auszeichnung verholfen, dass sich ihr Pfarrer als „Oberpfarrer“ bezeichnen dürft.
In der Kirche geizte er nicht mit Weirauch. Einmal zu Onkel Adi versorgte uns mit leckeren Buttercremetorten, die die ausgehungerte Kriegs- und Nachkriegsgeneration mit der Gewissheit beglückte, nie wieder hungern zu müssen. Alle liebten seine berühmten Buttercremetorten, die mir noch heute als das Nonplusultra der Konditorenkunst im Gedächtnis geblieben sind.
Mein Großvater schenkte mir zur Kommunion meine erste Armbanduhr. Meine Eltern schenkten mir den Kommunionsanzug, den ich vielleicht zwei oder drei Jahre lang tragen konnte, bevor er zu klein geworden war. Außerdem bekam ich Bücher von Karl May und die „Sagen des klassischen Altertums“, die ich als Zehnjähriger aber nicht wirklich verstand, weil sie mir viel zu grausam erschienen.
Als Kind war ich zartbesaitet und brav. Prügeln und raufen mochte ich mich nie. Lieber lag ich stundenlang auf den Steinstufen vor der Haustür und träumte mich in eine andere Welt hinweg.
Als ich gefragt wurde, welchen Beruf ich ergreifen wolle, habe ich geantwortet, ich wolle der Chef meines Vaters werden. Dann müsse er nämlich nicht mehr so viel arbeiten, begründete ich meine Berufswahl damals. Das trug mir einiges Lob und Streicheleinheiten meiner Mutter ein, die diese Geschichte allen weitererzählte, weswegen ich sie überhaupt nur berichten kann.
Fernfahrer wollte ich aber auch werden, weil ich einen dicken großen Laster steuern und die ganze Welt sowie viele fremde Länder sehen wollte. Später wurde der Fernfahrer zum Busfahrer, weil ich die Menschen von der Arbeit nach Hause zu ihren Familien transportieren wollte.
Die ersten beiden Schuljahre an der Sankt-Laurentius-Schule unterrichtete mich ein „Fräulein“, das meine Mutter als „Mikätzchen“ bezeichnete. Das war eine in kurzen Crash-Kursen ausgbildete Aushilfslehrerin, die auch wenige Jahre später ein Kind bekam und – zumindest vorerst – wieder aus dem Schuldienst ausschied. „Mikätzchen“ wurden diese jungen Frauen genannt, weil der damalige nordrhein-westfälische Kultusminister Paul Mikat dieses Modell der Personalbeschaffung durchgesetzt hatte.
Die dritte und vierte Schulklasse unterrichtete mich eine etwas erfahrenere Lehrerin. Dieser Pädagogin bin ich heute noch dankbar für ihre Arbeit, legte sie doch viel Wert auf die Erziehung zu Werten wie Anstand, Sauberkeit, Solidarität, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit. Sicherlich war sie eher konservativ als progressiv, aber doch durch und durch demokratisch gesonnnen und von christlichem Humanismus durchdrungen.
Eine Mitschülerin war Jüdin. Ein Mitschüler war altkatholisch. Alle anderen waren entweder katholisch oder – in geringerer Zahl – evangelisch.
Die Lehrerin lehrte uns, die Religion der anderen zu respektieren und niemanden deswegen zurückzusetzen. Gleiches galt für eine behinderte Mitschülerin, die an einer geistigen Beeinträchtigung litt. Wer sich aber auch nur einmal kurz über dieses Mädchen lustig machte, bekam es sofort mit den Freundinnen der Schülerin zu tun, die jeden derartigen versuch bereits im Keim erstickten.
Die Lehrerin bestärkte sie darin und sagte, man dürfe niemanden kränken wegen etwas, wofür er oder sie nicht kann. So blieb dieses behinderte Mädchen voll integriert in unserer Klasse und fühlte sich wohl im Kreis zahlreicher Freundinnen.
Mit zehn Jahren wechselte ich zum Gymasium. Die vielleicht vier oder fünf Kilometer zum Helmholtz-Gymnasium im Nachbarort Duisdorf legte ich gemeinsam mit meinen beiden älteren Brüdern tagtäglich bei Wind und Wetter zu Fuß zurück. Mein ältester Bruder Uli und der zwei Jahre jüngere Dieter waren schon vor mir auf diese Schule übergewechselt.
Am Gymnasium begann ich mit Englischunterricht. Später kam Latein und noch später französisch hinzu. Diese Fremdsprachen mag ich nicht missen, wenngleich mich das latein anfangs viel Mühen und Tränen gekostet hat.
Irgendwann verstand ich dann auch, was der Oberpfarrer in der Kirche von sich gab. Doch nur wenige Zeit später war er mit seinem Latein am Ende, weil das Vatikanische Konzil die Liturgie in der jeweiligen Landessprache einführte. „Ut desint Vires, tamen est laudanda Voluntas“, lautet die Botschaft an alle, die einmal versucht haben, die antike Sprache zu erlernen.
Der Oberpfarrer indes war ein großer Fan von Papst Johannes XXIII. und dessen menschenfreundlicher Zugewandtheit. Ihm verdankt der einstige „Grüne Weg“ in Lessenich seinen heutigen Namen „Roncallistraße“. Auf die Frage, wie viele Menschen im Vatikan arbeiten, hat Papst Johannes XXIII. einmal gesagt: „Höchstens die Hälfte!“