Leben in Lessenich: Meine Kindheit mit einer großen Familie in einer kleinen Wohnung

Unser Haus stand am Ende der Straße. Sie hatte keinen eigenen Namen.
Ebenso wie die westliche Parallelstraße waren die Doppelhäuser entlang unserer Straße mit Hausnummern der Gartenstraße belegt. Das war die unbestreitbare Hauptverkehrsstraße von Lessenich, von der die beiden kleinen Sträßchen abzweigten. Am Ende dieser beiden geteerten Straßen ermöglichte ein Wendehammer den Autos das Umdrehen.
Hinter dem Wendehammer begann das freie Feld. Vom Ende unserer Straße aus lief ein sandiger Feldweg mit Grasnarbe in dieses Feld hinein bis zur Obstplantage des Bauern, der den Hof an der Einmmündung unseres Sträßchens in die große Gartenstraße bewirtschaftete und bewohnte.
Auf der anderen Straßenseite waren – ebenso wie an der westlichen Seite der Parallelstraße – je drei Doppelhäuser aufgereiht, wobei das dritte Doppelhaus wegen des Wendehammers etwas zurückgesetzt zur Linie der beiden anderen Doppelhäuser stand. Das galt für unser Haus ebenso wie für das des coolen Kriminaldirektors, der die Dorfkinder das Autofahren lehrte.
Neben jeder Doppelhaushälfte befand sich außen ein sandiger Parkplatz für die Autos der Bewohner oder Besucher. Ein Jägerzaun grenzte ihn zum Garten hin ab. Ein langer gerader Jägerzaun trennte alle Gärten an unserer Straße von der geteerten Parallelstraße. Ein hoher Maschendrahtzaun trennte unseren Garten von dem benachbarten Acker.
Vor jeder Haustür befanden sich drei Stufen. Auf der obersten lag ich häufig und träumte mich in ferne Wirklichkeiten weg. Manchmal mussten Besucher über mich hinwegsteigen, weil ich keinerlei Anstalten machte, wegen ihnen aufzustehen.
Hinter der Haustür befand sich ein kleiner Flur. Rechts ging eine Tür ab zur Küche, geradeaus eine zweite zum Wohnzimmer. Links führte eine gewundene Holztreppe hinauf ins Obergeschoss.
Durch die Küche oder das Wohnzimmer konnte man in das Esszimmer kommen, das sich in der hinteren rechten Ecke des Erdgeschosses befand. Im Esszimmer sorgte ein gekachelter Ofen für Wärme im Winter. Ihn befeuerten wir mit Koks und Kohle oder Briketts, selten aber mit Holz.
Der Kamin dieses Ofens befand sich beinahe in der Mitte der Wohnung. Der aufsteigende Rauch und seine Wärme beheizten das Obergeschoss. Außer diesem Schornstein gab es oben keinerlei Heizung.
Im Esszimmer stand eine Eckbank aus Holz an einem langen Tisch. Auf ihr saßen wir Kinder, während unsere Eltern an der Seite zum Ofen auf Stühlen Platz nahmen. Hier frühstückten wir, aßen zu Mittag und Abend und nachmittags gelegentlich einmal Kuchen oder Marmeladenstolen oder Brote.
Gegenüber von der Küchentür befand sich in diesem Esszimmer die Glastür zum Garten. Sie wurde mit einem Schwenkhebel geöffnet und verschlossen. Durch sie gelangten wir im Sommer ebenso wie an schönen Frühlings- und Herbsttagen nach draußen in den Garten.
Im Garten hatte mein Vater eine Schaukel an eckigen Holzträgern befestigt. Außerdem war da ein Sandkasten, in dem wir aber nur selten spielten. Später kam noch eine metallene Wippe hinzu, die vor allem mein jüngerer Bruder Horst gern nutzte, um mit unserer Schwester Christiane zu spielen.
Eigentlich hatte meine Mutter ihre erste und einzige Tochter „Monika“ taufen wollen. Gleichzeitig mit ihr war auch die Nachbarin in der anderen Doppelhaushälfte schwanger. Sie hatte sich für ihre Tochter den Vornamen „Christiane“ ausgesucht.
Als die gebürtige Müncheneerin dann gebar, entschied sie sich jedoch für „Monika“ und gab ihrer Tochter den Wunschnamen meiner Mutter für meine Schwester. Darauf erhielt meine Schwester wenige Tage später dann den ursprünglichen Wunschnamen der Nachbarin. Letztlich verstehe ich diesen Namenstausch als Ausdruck einer gewissen Verbundenheit der beiden Mütter, die offenbar ziemlich ähnliche Vorlieben – zumindest bei Mädchennamen – teilten.
Nach ihrer Geburt nahmen meine Eltern Christiane ins Elternzimmer im ersten Stock auf. Dort schlief sie in einem kleinen Gitterbett.
Das Elternzimmer lag gleich links vom Flur im Obergeschoss, den man über die Treppe von unten nach einer Drehung der Stufen um 180 Grad erreichte. Rechts gegenüber lag die Toilette über dem Flur im Erdgeschoss. Ganz hinten rechts befand sich das Badezimmer mit der Badewanne, die wir immer nur freitags benutzten.
Gegenüber vom Badezimmer war unser Kinderzimmer Rechts und links vom Fenster, durch das wir hinabblicken konnten auf unseren Garten, standen zwei einklappbare Etagenbetten. Waren sie hochgeklappt, konnte man einen Vorhang davor zuziehen uns sie so wie eine Art Schrank hinter dem Vorhang verschwinden lassen.
Waren sie aufgeklappt, führte nur noch ein schmaler Gang zwischen den beiden Etagenbetten hindurch zum Fenster. Die beiden ältesten Brüder schliefen unten, die beiden jüngeren Kinder unten. Ich lag unter Dieter, während mein jüngerer Bruder Horst und dem ältesten Sohn uli lag.
Eines nachts wurde ich plötzlich wach. Erschrocken schaute ich zur Seite, wo im Gang mein Bruder Dieter kauerte. Im Schlaf hatte er sich umgedreht und war dabei aus dem oberen Bett gefallen, woraufhin er im Fall geistesgegenwärtig in die Hocke gegangen und unten auf den Füßen angekommen war.
Dieter war schon immer sportlich, während Uli und ich eher pummelig waren. Einmal hatte ich im Garten einen Streit mit ihm. Worüber wir uns stritten, daran erinnere ich mich heute nicht mehr, wohl aber an die Szene, die auf diesen Streit folgte.
Damals muss ich wohl acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Uli war vier Jahre älter als ich.
Irgendetwas muss ich im Garten gemacht haben, was ihn in heftigen Zorn versetzte. Wutschnaubend rannte er hinter mir her. Ich rette mich durch die Glastür ins Esszimmer und schloss die Tür schnell hinter mir.
Uli konnte nicht mehr rechtzeitig anhalten und prallte voll in die Fensterscheibe der Tür. Meine Mutter musste den Krankenwagen rufen, da er schrecklich blutete. Ob meiner Schuld an seinen Verletzungen schämte ich mich seither sehr und habe den Vorfall bis heute nicht vergessen.
Nicht vergessen habe ich auch die vielen Stunden beseelten Spielens im Kinderzimmer in der oberen Etage. Neben der Tür zum Flur stand auch dort eine Eckbank vor einem großen Tisch. Darauf fuhren wir mit unseren Wiking-Autos umher oder bauten größere Gegenstände mit Legosteinen.
Die Wiking-Autos kauften wir mit unserem Taschengeld bebeim Spielwarenladen im benachbarten Duisdorf ein. Für so ein Modellauto im Maßstab 1 zu 87 mussten wir lange sparen. Die Legeo-Steine hingegen hat uns immer mein Vater geschenkt.
Nachts, wenn wir schliefen, schlich er sich manchmal ins Kinderzimmer herein. Dann baute er still tolle Dinge mit Lego, die wir morgens beim Aufwachen erstaunt begutachteten. Nur sehr ungern mochten wir die Schiffe oder Kirchen oder Burgen zerstören, die er liebevoll gebaut hatte.
Weil wir aber auch selber wieder etwas bauen wollten, zerstörten wir seine Kunstwerke nach wenigen Stunden dann doch wieder, um selber neue zu bauen. Aufbauen und dann wieder Zerstören im ewigen Wechsel ist eben nicht nur das Grundmotiv von Lego, sondern auch in vielen anderen bereichen des Lebens.
Zerstörerische Wut zeigte indes meine Mutter, wenn wir ihre Aufforderung ignorierten, unser Zimmer aufzuräumen. Dann kippte sie den Tisch im Kinderzimmer um und warf alles zu Boden. Danach blieb uns nichts übrig, als sofort alles aufzuräumen, wenn wir nicht riskieren wollten, dass unsere Spielsachen auf dem Boden zertreten würden.
Als 1967 mein Bruder Günter geboren wurde, wurde die Vier-Zimmer-Wohnung für die nunmehr achtköpfige Familie endgültig zu klein. So bemühte mein Vater sich um eine größere Wohnung. Doch erst im Februar 1968 konnte die Familie umziehen auf den Venusberg.