Losgelassenes Lessenich: Meine Kindheit auf Bahn und Bus nach Rheinbach

Die Familie meiner Mutter wohnte in Rheinbach. Häufig sind wir von Lessenich aus dorthin zu Besuch gefahren.
Oft nahm uns mein Onkel Adi in seinem Auto mit. Meistens aber nahmen wir den Zug oder Bus von Duisdorf aus. Ein eigenes Auto besaßen meine Eltern nämlich nicht.
Von unserer Wohnung in Lessenich aus gingen wir knappe 20 Minuten die Bahnhofstraße entlang bis zur Bahnschranke. Gleich dahinter befand sich der Bahnhof Duisdorf. Das war ein dunkles Gebäude mit einer Schalterhalle und einer Bahnhofsgaststätte.
Am Schalter kauften meine Eltern die Fahrkarten. Das waren kleine Kärtchen aus Pappe, die der Bahnbeamte hinter der Glasscheibe am Schalter aus irgendwelchen Fächern herausnahm und abstempelte. Dann legte er sie auf eine Drehscheibe, auf deren andere Seite jenseits der Scheibe zwischen ihm und den Fahrgästen die Kundschaft das Geld legte.
Lag das Geld in der Mulde, drehte der Bahnbeamte an einem Hebel und damit die Drehscheibe um. Im Nu lag dann das Geld auf seiner und die Fahrkarte auf der anderen Seite. Die Scheibbe schützte den Bahnbedienten nicht nur vor geldgierigem Gesindel, sondern auch vor Krankheitserregern.
Mit der Karte in der Hand verließen wir dann das Bahnhofsgebäude. Nebenan staand ein kleines hölzernes Büdchen, vor dem ein Gitter den Zugang zum eigentlichen Bahnsteig versperrte. Bevor wir den Bahnsteig betreten konnten, mussten wir zunächst an dieser „Sperre“ warten.
Ein Uniformierter stand in dem Häuschen. Er besah die Fahrkarten und lochte sie dann. Erst wenn der Zug eingefahren war, öffnete er die Sperre.
Auf der Strecke von Bonn über Rheinbach nach Euskirchen fuhren damals Personenzüge mit Dampflokomitiven. Diese qualmenden und schweflig stinkenden schweren Maschinen zogen dreiachsige Umbauwagen meist grüner Farbe. Bei ihnen handelte es sich um uralte Eisenbahnwaggons von der Jahrhundertwende, die die Deutsche Bundesbahn (DB) nach dem Ende des 2. Weltkriegs mit neuen Aufbauten versehen hatte.
Wenn so ein Personenzug mit Dampflok einfuhr, dann roch man die schweflige Kohle und hörte das laute Zischen des Dampfs. Das laute Quietschen der Bremsen dröhnte in den Ohren; und die Türen klapperten laut, wenn sie zugeschlagen wurden. Als Kind hatte ich mächtigen Respekt vor den lautstark heranbrausenden schweren Maschinen.
Außer den Zügen mit der Dampflok voran verkehrten auf der Strecke auch die roten Schienenbusse von Uerdingen. Ihren brummenden Büssing-Motor. Meist waren vier Einheiten zu einem Zug zusammengespannt.
In den Wagen konnte man die Sitzlehnen umklappen, sodass man entweder mit der Fahrtrichtung sitzen konnte oder entgegengesetzt. So konnte man auch eine Sitzgruppe bilden, bei der man einander gegenübersaß.
Am liebsten saßen ich und meine Brüder ganz vorne in der ersten Reihe gleich hinter dem Fahrer und dem Einstieg. Einmal ließ einer der Lokführer meinen Bruder Horst sogar auf dem Beifahrersitz neben sich sitzen, der normalerweise dem Schaffner vorbehalten war. Dieser uniformiert Beamte ging zwischen allen Bahnhöfen immer wieder durch den Zug und kontrollierte die Fahrkarten, die er noch einmal lochte.
Wenn wir dann in Rheinbach aus dem Zug oder Schienenbus ausstiegen, mussten wir wieder durch eine Sperre, wo unsere Tickets erneut kontrolliert wurden. Schwarzfahren war bei der Bahn bis zum Anfang der 60er Jahre praktisch unmöglich, wenn man nicht gleich mehrere Bahnbeamte kannte. Doch die Beamten waren damals garantiert nicht bestechlich.
Auch die Rückfahrt von Rheinbach nach Duisdorf verlief nach gleichem Muster. Allerdings mussten wir dann meist keine Karte mehr kaufen, weil wir vor Fahrtantritt in Duisdorf in aller Regel eine Rückfahrkarte erworben hatten.
Parallel zur Bahnstrecke verlief auch eine Buslinie. Rote Bahnbusse verkehrten zwischen Bonn, Rheinbach und Euskirchen. Sie nahmen allerdings einen anderen Weg als die Züge.
Dafür benötigten sie deutlich mehr Zeit. Dennoch fuhren wir oft mit dem Bus, der in Rheinbach die Hauptstraße entlangfuhr und uns deshalb an der dortigen Barock-Kirch mit dem charakteristischen Zwiebelturm aussteigen ließ. Auch im Bus saßen wir gerne vorn.
In den 50ern und Anfang der 60er Jahre verkehrten auf dieser Buslinie Omnibuszüge der Marke Faun. Die Karrosserien hatte die Firma Orenstein & Koppel (O&K) in Berlin geliefert. Der Bus zog einen Anhänger, der zunächst von einem eigenen Schaffner überwacht wurde.
Zwei Grundtypen von Omnibuszügen waren auf der Strecke unterwegs. Die meisten Omnibuszüge besaßen einen schmalen Übergang vom Zugfahrzeug zum Anhänger. Einige wenige zogen den Anhänger getrennt hinter dem Motorwagen her.
Eine Haltestelle der Busse nach Rheinbach war in Duisdorf an der Rochuskirche, wo auch der Kirmesplatz war. Meist stiegen wir dort ein und aus, um den Weg zwischen Duisdorf und Lessenich zu Fuß über die Bahnhofstraße am Duisdorfer Bahnhof vorbei zurückzulegen. Bei schlechtem Wetter war dieser Weg nicht immer nur eitel Sonnenschein.
Ab Mitte der 60er Jahre wurden die Omnibuszüge durch Busse der Marke Büssing ersetzt. Busse dieser Marke fuhren auch massenhaft im Bonner Stadtlinienverkehr. Allerdings waren die Überlandbusse in einigen Punkten anders als die Stadtbusse, weil ihr lauter motor unter dem Fußboden zwischen den Achsen angebracht war, während die meisten Stadtbusse den Motor im Fahrzeugheck hatten.
Einmal nahm mich mein Onkel Johann auch mit seinem Motorroller mit. Ich hatte ziemlich viel Angst, wenn er sich auf der Straße bei höherem Tempo in die Kurve legte. Noch mehr Angst hatte ich später, wenn ich mich an diese Fahrt erinnerte, weil dieser Onkel nicht gerade der hellste Zeitgenosse war.
Die Fahrten mit dem Glas 1204 meines Onkels Adi abe ich hingegen nur in guter Erinerung, auch wenn er mitunter heftig fluchte, wenn andere Autofahrer sich nicht richtig verhielten. Seine Schimpfwörter entsprangen dabei dem rheinischen Katholozismus, titulierte er die Objekte seines Zorns doch als „Schweinepriester“ oder bei besonders großen Verfehlungen als „Oberschweinepriester“.

Ein Kommentar zu “Losgelassenes Lessenich: Meine Kindheit auf Bahn und Bus nach Rheinbach

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