Letztmals in Lessenich: Ein besonderer besuch mit Erdmuthe

Zum letzten Mal habe ich Lessenich im Sommer 2009 besucht. Jahrelang war ich zuvor nicht mehr dort gewesen.
Mit meiner Ehefrau Erdmuthe Sturz stieg ich in Duisdorf aus dem Zug aus. Ein moderner Triebwagenzug hatte uns über die altbekannte Bahnstrecke von Rheinbach nach Duisdorf gebracht. Auf dieser Bahnlinie verkehrten die Züge nun werktags im 20-Minuten-Takt, wohingegen sie früher sehr unregelmäßig, höchstens aber einmal pro Stunde fuhren.
Die immer noch baumbestandene Bahnhofstraße liefen wir entlang und querten die „Alte Heerstraße“, die auf Duisdorfer Gebiet an der Ortsgrenze zu Lessenich entlanglief. Erdmuthe freute sich über die Bäume an der Allee, von denen viele alt und knorrig waren. Aber auch der Straßenbelag und der Gehsteig wirkten so, als seien sie seit meinen Kindertagen nicht mehr erneuert worden.
Wir überquerten den schmalen Bach auf der winzigen Brücke der Bahnhofstraße und gelangten bald zu der „großen Kreuzung“ in Lessenich, die mir nun ziemlich klein vorkam. Im Feuerwehrgerätehaus neben der – nun nicht mehr neuen – Laurentiusschule standen zwei Magirus Saturn mit eckiger Motorhaube. Einer war eine Drehleiter, einer ein Tanklöschfahrzeug.
Am Schulhof vorbei gingen wir die Straße entlang, die mir auch nicht mehr ganz so groß vorkam wie in meinen Kindertagen. Die einzige Gartenstraße hieß nun „Laurentiusstraße“. Unser Gässchen mit dem Wendehammer trug nun den Namen „Forellstraße“.
Dort, wo links mein einstiges Elternhaus stand und wo damals der Wendehammer gewesen war, ging die kleine geteerte Straße weiter. Neue Häuser standen dort, wo einst Acker und Obstplantage gewesen waren. Eine Kreuzung mit einer Parallelstraße folgte dort, wo zu meinen Kindertagen freies Feld gewesen war.
Diese Querstraße trug den Namen des damaligen Bürgermeisters. Sie hieß „Bürgermeister-Bieser-Straße“.
Die Doppelhaushälfte, die unsere Familie Anfang der 60er Jahre bewohnt hatte, wirkte auf mich klein und fremd. Ich versuchte, mir das Innere ins Gedächtnis zu rufen und den Garten hinter dem Haus. Doch die Bilder mochten sich in diesem Moment nicht mehr einstellen.
Wehmut beschlich mein Gemüt, das zwischen dem Schwelgen in Erinnerungen und der Enttäuschung meiner Erwartungen an eine – nicht wirklich aufkommende –
Wiedersehensfreude schwankte. Alles war viel kleiner und unspektakulärer als in meiner Erinnerung. Irgendwie war das nicht wirklich „mein Lessenich“, wie ich es seit Kindertagen im Gedächtnis hatte.
Allerdings mag das auch daran liegen, dass ich alles ringsum nicht mehr selbst sehen konnte. Erdmuthe beschrieb mir, was sie sah, wie sie es immer tat. Aber ihre Bilder passten oft nicht zu denen in meinem Kopf.
Immerhin konnte ich ihr alle Wege gut genug beschreiben, sodass sie alles fand, was ich erwähnte. So gingen wir gemeinsam durch Lessenich. Es war ein Gang durch meine Kindheit und meine Erinnerungen an eine Zeit, die damals bereits mehr als 40 Jahre zurücklag.
Die Forellstraße verließen wir schon nach kurzer Zeit wieder. Wir überquerten die Laurentiusstraße und gingen durch das enge Friedhofsgässchen an der hohen steinernen Friedhofsmauer entlang. Dieses Gässchen hatte man inzwischen mit einem festen Bodenbelag gepflastert.
Nach wenigen Metern kamen wir zu dem Platz vor der romanischen Pfarrkirche Sankt Laurentius. Leider war sie verschlossen. Deswegen konnten wir nicht hineingehen.
Das alte Schulhaus, wo vor 30 Jahren Willis Schwester gewohnt hatte, war wohl weiterhin Kindergarten. Gegenüber vom Schulhaus erhob sich die Mauer des Pfarrgartens. Glücklicherweise war die Gastwirtschaft gegenüber der Kirche geöffnet.
Es war wunderbares Wetter. So setzen wir uns vor der Gaststätte an einen Tisch. Ein älteres Ehepaar bot uns an, uns zu ihm zu setzen.
Erdmuthe konnte auf der einen Seite die einstige Hauptstraße hinaufblicken und im rechten Winkel dazu die Roncallistraße entlang. Wenige Meter von unserem Sitzplatz entfernt lief der Bach unsichtbar in einer Röhre unter der Roncallistraße hindurch. Ich erinnerte mich an die Feuerwehr, wie sie dort zwischen den wunderbaren alten Pappeln das Wasser abpumpte und ich als kleiner Knirps dabei aus sicherer Entfernung zuschaute.
Wir tranken Kaffee und aßen dazu ein Eis. Die Sonne schien von einem blauen Himmel herab. Endlich fühlte ich mich, als sei ich angekommen in Lessenich.
Wir kamen mit unseren Tischnachbarn ins Gespräch. Sie waren vor wenigen Jahren nach Lessenich zugezogen von irgendwoher im Umland von Köln. Wohl fühlten sie sich in dem Dorf, das gerade für ältere Menschen genügend Beschaulichkeit und Ruhe, zugleich aber auch alle Vorteile eines Stadteils der Großstadt Bonn biete.
Ich erzählte ihnen von meiner Kindheit in Lessenich. Der Mann dachte nach, wen er kannte, den ich auch kennen könnte. Am Ende nannte er den Namen seines Hausarztes, der der ältere Bruder meines Schulkameraden Christoph war.
Nach einer Dreiviertelstunde verabschiedeten wir uns und gingen auf den Friedhof. Erdmuthe las mir die Namen auf den Grabsteinen vor, von denen mir einige durchaus bekannt vorkamen. Doch zunächst klingelte es bei niemandem dort.
Dann aber las sie mir den Namen meines Schulfreunds Willi vor. Die Daten stimmten. Der Oberpfarrer hatte den „Selbstmörder“ also – entgegen der damaligen katholischen Unsitte – ordnungsgemäß auf dem Friedhof bestattet!
Ttänen der Trauer traten mir ins Gesicht. Meine geliebte Ehefrau drückte ich ganz eng an mich. Alle Erinnerungen an Willi waren nun wieder da.
Mit einem Gefühl der Erleichterung ging ich anschließend neben ihr her. Zunächst gingen wir ein kurzes Stück die ehemalige Hauptstraße hinauf bis zu der Ecke, wo einst der Milchladen gewesen war. Ihn gab es natürlich schon lange nicht mehr.
Dann führte uns unser Weg die Roncallistraße entlang in Richtung Duisdorf. Wo früher freies feld gewesen war, standen nun auch Häuser. Nur das alte Heiligenhäuschen an der Weggabelung kurz vor dem unbeschrankten Bahnübergang am Ortseingang von Duisdorf stand noch, wenngleich es ziemlich zugewuchert war.
Erdmuthe zündete dort eine Kerze an für Willi. Für mich war es auch eine Kerze für unsere Liebe. Wir beide wussten, dass Erdmuthe nicht mehr lange zu leben hatte.
Nach kurzer Andacht gingen wir weiter bis zu der großen Kreuzung in Duisdorf, wo jetzt der Verwaltungssitz und zu meinen Kindertagen das „Amt Duisdorf“ gewesen war. An der Haltestelle dort stiegen wir in den Bus, der uns zum Bonner Hauptbahnhof brachte. Jahrelang war ich auf dieser Strecke morgens im Bus vom Venusberg zum Helmholtz-Gymnasium gefahren und mittags wieder zurück.
Natürlich kam kein Anderthalbdecker mehr. Ein neuer Niederflurbus bachte uns zum Hauptbahnhof. Die Streckenführung war noch die gleiche wie bei meinem Abitur, aber die Liniennummer war nun dreistellig mit einer 7 vornean.
Alle Wege wirkten kürzer auf mich. Alles wirkte kleiner und weniger wichtig. Lessenich war nun nur noch eine Kulisse für einen alten Film voller wunderbarer geschichten und Geschichtchen.