Schlechte Sicht, Rücksicht, Einsicht und Aussichten: Meine allmähliche Erblindung

#Meine erste Brille bekam ich mit fünf Jahren. Immer stärker wurden die Brillen im Laufe der Jahre, doch nutzten sie immer weniger.
Als kleiner Knirps war ich mit meiner Brille Anfang der 60er Jahre ein Unikat. Im ländlich geprägten Lessenich gab es damals nur zwei Kinder mit einer dicken Brille. Das waren meine beiden älteren Brüder.
Vom ersten Schultag an saß ich bis zum Abitur fast immer in der ersten Reihe möglichst nahe vor der Tafel. Nur in der Oberstufe am Helmholtz-Gymnasium in Duisdorf war das manchmal anders, weil viele Lehrer da nichts mehr an die Tafel anschrieben. Mitunter halfen mir auch meine Banknachbarn und buchstabierten mir Fremdwörter, die an der Tafel standen.
Meist saß mein Schulfreund Willi neben mir. Auch er trug als Jugendlicher eine Brille. Doch im gegensatz zu mir half sie dem – geistig scharfsichtigen- Jugendlichen auch rein optisch weiter.
Die meisten Lehrerinnen und Lehrer nahmen Rücksicht auf meine Sehbeeinträchtigung. Nur eine Lehrerin tat das nicht. Sie war nicht nur maliziös gegen viele meiner Mitschülerinnen und Mitschüler, sondern auch eine übrig gebliebene sudetendeutsche Revanchistin mit ausgeprägter Nazi-Ideologie.
Mit ihr hatte ich deshalb ohnehin die eine oder andere Auseinandersetzung. Die anderen Lehrerinnen und Lehrer am Helmholtz-Gymnasium hingegen waren meist sehr in Ordnung. Einigen verdanke ich viel und behalte sie in guter Erinnerung.
Auch dank ihrer Rücksichtnahme und der solidarischen Unterstützung meiner Schulkameraden kam ich trotz meiner Sehbehinderung einigermaßen gut durch an der Schule bis zum Abitur. Ich schrieb meine Hausaufgaben oder Klassenarbeiten mit einem Füllfederhalter in Schulhefte, wobei ich die Kappe oft abnahm und auf die Patrone im Füller drückte, um mehr Tinte zur Feder zu pressen. Dadurch wurde die Schrift sehr dick, sodass auch ich sie noch lesen konnte.
Die Lehrerinnen und Lehrer hatten viel Mühe, meine „Sauklaue“ zu entziffern; doch sie beklagten sich nie. Lediglich die Nazi-Lehrerin versuchte mit allen erdenklichen Tricks, mir schlechte Noten „reinzuwürgen“. Von einer guten 2 drückte sie mich runter bis auf die Note 4, die meine Englischkenntnisse aber nicht gerecht würdigten.
Nach dem Abitur hatte ich einen Alptraum: Mehrmals träumte ich, noch einmal zur Schule gehen zu müssen und dort von dieser Lehrerin weiterhin gedemütigt und gequält zu werden. Das war für mich damals der größte Horror!
Im Herbst 1974 nahm ich ein Stuidum an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) in Münster auf. Dort begannen meine Probleme allmählich, mir über den Kopf zu wachsen.
Ich konnte die Lagepläne und den Stadtplan nicht mehr lesen. Vor meinen Augen verschwamm die kleine Schrift, je länger ich auf das Papier starrte. Nur die fetten Überschriften in der Zeitung konnte ich noch ohne Mühe erkennen.
Lange versuchte ich, meine Sehbehinderung zu vertuschen. Der unmenschliche Ungeist der Nazi-Euthanasie vom angeblich „lebensunwerten Leben“ steckte damals noch in sehr vielen Köpfen und mir ganz tief in den Knochen. Wenn ich jedoch auf der Straße gegen einen Schildermast prallte oder über eine Bordsteinkante stolperte und stürzte, dann bezahlte ich diese Verdrängug mit vielen blauen Flecken und vereinzelt sogar blutenden Wunden.
Einige Kommilitoninnen und Kommilitonen bemerkten dennoch allmählich, dass mit mir was nicht stimmte. Ich erklärte mein Problem und bekam Hilfe: Sie zeigten mir, wo sich Gebäude und Räume befanden, die für das Studium wichtig waren. Doch viele Dozenten – damals ausnahmslos Männer – gaben den Studierenden –
auch damals schon etliche junge Frauen – sehr viel zu lesen auf. Das machte das Studium für mich zunächst zur Qual und bald gänzlich unmöglich. Nach zwei Jahren ohne Schein musste ich angesichts des Endes der Studienfinanzierung eine Entscheidung treffen.
Ich zog wieder zurück zu meinen Eltern in Bonn. Dort fiel ich in eine tiefe Depression. Antriebslosigkeit und das Gefühl, ein „Versager“ zu sein, machten mir heftig zu schaffen.
Schließlich sprach ich darüber mit meinem Onkel Matthias. Er gab mir die Telefonnummer eines Bekannten, der auch sehbehindert war. Diesen sehbehinderten Marburger besuchte ich im Frühjahr 1977.
Am Telefon bereits hatte er mir geraten, auch die Deutsche Blindenstudienanstalt (BliStA) in Marburg aufzusuchen. Dort erfuhr ich von der „Blindentechnischen Grundausbildung“. Dabei können Erblindende und Erblindete wieder Schreiben und Lesen lernen mit der tastbaren Brailleschrift.
Nach meiner Rückkehr aus Marburg rief ich sofort den Landschaftsverband Rheinland (LVR) an, der für meine soziale Rehabilitation zuständig war. Ich klärte meine Situation mit einem freundlichen Beamten ab, dem ein Fall wie meiner noch nie untergekommen war. Doch nach einigen Telefonaten mit mir und der BliStA in Marburg sowie einem Gespräch mit seinen Vorgesetzten gab er mir „grünes Licht“.
Im Sommer 1977 zog ich nach Marburg um, um an der BliStA den „Blindentechnischen Grundlehrgang“ zu besuchen. Vier erwachsene Rehabilitanten sowie ein gutes Dutzend Jugendlicher begannen die Grundausbildung in Marburg. Meist waren die Erwachsenen von den Jugendlichen getrennt, aber einige Kurse absolvierten wir zusammen.
Damit wurde mein schlimmster Alptraum war: Ich musste wirklich wieder in die Schule. Doch diesmal quälte mich keine Nazi-Lehrerin mehr, weil hier alle ebenso wenig sehen konnten wie ich.
Ich lernte, die von Louis Braille ausgetüftelte Blindenschrift zu schreiben und zu ertasten. Das Schreiben mit der „Bogenmaschine“ fiel mir ziemlich leicht, da die Schrift einem klaren symmetrischen System folgt. Das konnte mein Kopf sich gut merken.
Das Lesen mit den Fingern hinegen machte mir mächtig Mühe. Meine Fingerkuppen waren bereits verhornt und nicht so sensibel wie die kleiner Kinder, die wesentlich schneller Braille lernen als alte Leute. Wenn ich eine halbe Seite Brailleschrift gelesen hatte, spürte ich einen stechenden Schmerz in den Fingerkuppen.
Dennoch konnte ich mir nun endlich wieder Notizen machen. Auch konnte ich mit einer mechanischen Schreibmaschine die allgemein gebräuchliche „Schwarzschrift“ schreiben, die Sehende als „Maschinenschrift“ bezeichnen würden. Wie jede gute Sekretärin schrieb auch ich bald ziemlich schnell im Zehn-Finger-System blind.
Bei einem Ausflug mit dem „V-Kurs“, wie die „Blindentechnische Grundausbildung“ in der BliStA meist nur genannt wurde, setzte ich mich beim Picknick auf meine Brille. Da dieses schwere Gerät mir immer auf die Nase drückte, setzte ich sie bei jeder Gelegenheit ab, wo ich nicht unbedingt irgendetwas erkennen sollte. Allerdings half mir die Brille ohnehin nicht mehr, sodass ich das zerbrochene Gestell nicht mehr reparieren ließ und mir auch keine neue Brille mehr anschaffte.
Dennoch dauerte es noch, bis ich mich endlich dazu durchrang, mit dem Stock durch die Stadt zu laufen. In Marburg bemerkten aber viele Passantinnen und Passanten auch ohne dieses Hilfsmittel meine Sehbehinderung, da in der Stadt viele Menschen mit einer starken Sehbeeinträchtigung unterwegs sind. In vielerlei Hinsicht ist Marburg das ideale Pflaster für Sehbehinderte und Blinde, wenngleich die Stadt beileibe nicht blindengerecht gestaltet oder ausgestattet ist.
Kurz vor dem Abschluss des Blindentechnschen Grundlehrgangs bekam ich noch einige Stunden Training mit dem Weißen Langstock. Am Ende absolvierte ich eine Prüfung unter der Augenbinde. Damit wollte ich für mich selber herausfinden, ob ich nach einer vollständigen Erblindung zurechtkommen würde.
Die – von meiner Mutter ererbte – Augenerkrankung „Retinopathia Pigmentosa“ (RP) ist nämlich progressiv. Stäbchen und Zäpfchen der Netzhaut werden nicht mit einem bislang unbekannten stoff versorgt, der Kalzitineinlagerungen vehindert. Allmählich „verkalken“ sie und sterben ab.
Für die Mobilitätsprüfung fuhr ich unter der Augenbinde mit einem Bus von der Haltestelle „Gutenbergstraße“ vor dem Kaufhaus Ahrens zum Lärchenweg in Wehrda. Dort lief ich den Gehweg entlang bis zu einer Eisdiele, wo ich noch nie zuvor gewesen war. An einem Tisch draußen vor dem Eiscafé erwartete mich meine Mobilitätstrainerin und gratulierte mir zur bestandenen Prüfung.
Nun war ich mir sicher, dass ich fortan mit dem Langstock zurechtkommen könnte. Daraufhin entschied ich mich, in Marburg nur noch „am Stock“ zu gehen. Anderswo vermied ich das noch eine Weile lang, bis mir der Stock allmählich zu einer Art „elfter Finger“ geworden war, mit dem ich meine Umgebung ertasten und mich dann umso sicherer darin zurechtfinden konnte.

2 Kommentare zu “Schlechte Sicht, Rücksicht, Einsicht und Aussichten: Meine allmähliche Erblindung

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