Meine Sicht: Behinderungen können eine starke Herausforderung sein

[commnts off]

Meine Blindheit gehört zu mir wie meine Nase oder meine Füße. Für mich ist sie mittlerweile so selbstverständlich wie mein Atem oder meine Tränen.
Das war nicht immer so. Jahrelang hatte ich mit dem Verlust meines Sehvermögens zu kämpfen. Tiefe Depressionen überfielen mich.
„Warum ich?“ Diese Frage quälte mich ebenso wie die Frage: „Warum können die Anderen all das, was ich nun nicht mehr kann?“
Ohne meinen Sehsinn fühlte ich mich schwach und unvollständig. Nur mit guten Augen wäre ich auch ein „richtiger Mensch“, der die Freuden des Lebens großzügig genießen könne, dachte ich damals. Doch ändern konnte das Gejammer an meiner „misslichen“ Lage nichts.
Letzten Endes war ich also gezwungen, das Beste aus meiner Situation zu machen. Eine andere Wahl blieb mir nicht. So kam ich nach Marburg und begann, mich mit meiner Sehbeeinträchtigung zu arrangieren.
Mühsam musste ich als Erwachsener wieder Schreiben und Lesen lernen. Das Mobilitätstraining mit dem weißen Langstock verhalf mir allmählich zu Selbständigkeit und Sicherheit im Verkehr. Mein sprechender Computer brachte mir 1986 den Durchbruch, konnte ich fortan doch auch wieder Texte schreiben und selbständig korrigieren.
Das Internet brachte mir 1998 eine weitere Dimension eigenständiger Informationsbeschaffung: Dank der Hypertext-Seiten konnte ich nun selber Zeitungen lesen und mich über tagesaktuelle Ereignisse informieren. Sogar Kleinanzeigen las ich nun selbst.
Allerdings begannen bald einige Sehende, den Hypertext im Worldwide Web durch Bilder und Grafiken aufzuhübschen. Wenn sie ohne Erklärungstext online gestellt wurden, war die neue Freiheit für Blinde schnell wieder vorbei. Mit Jens Bertrams, Dr. Eckart Fuchs und anderen gründete ich 1998 deshalb den Arbeitskreis Barrierefreis Internet (AKBI).
Surfen im Internet mit einem sprechenden Computer ist für mich ein gigantischer Zugewinn an Informationsfreiheit. Zuvor hatte ich Radio und den Ton des Fernsehers genutzt, um auf dem Laufenden zu sein. Das war schon ganz gut, doch die Vielfalt an Informationen im Internet direkt von vielen Vereinen und Organisationen war noch besser.
Textseiten mit Gedichten im Internet, vor allem aber Hörspiele und Hörbücher verhalfen mir auch zu literarischen Genüssen. Meine Freude an Literatur lebte wieder ein wenig auf. So las ich nun also mit den Ohren und – wenn es nicht anders ging – auch mit meinen Fingern.
Meine Nase half mir, die Bäckerei zu finden oder auch die Buchhandlung und den Zeitungsstand, wo es nach Druckerschwärze und Papier roch. Den Friseur oder die Parfümerie fand meine Nase auch sowie die Metzgerei oder die Pommesbude. Gemüse und Obst offenbarte ihr seine Qualität und Babys ihre erledigten großen Geschäfte oder ihren Geruch nach gerade getrunkener Milch.
Meine Arbeit als Journalist verlangte mir anfangs eine ganze Menge Gelassenheit und Anstrengungen ab. Für den Hessischen Rundfunk (HR) Beiträge einzusprechen, ohne flüssig lesen zu können, war schon eine große Herausforderung. Während andere Blinde von Braille-Manuskripten mit den Fingern den Text ablasen oder ihn sich mit Kopfhörer im Ohr vorsprechen ließen, prägte ich ihn mir in mein Gedächtnis ein.
Alles, was ich tat, kostete Kraft und Nerven. Auch lief vieles nicht ohne Rückschläge ab. Doch am Ende machte mich das meiste stark und stolz, weil ich es allen und überwiegend ohne den Rat oder das Vorbild anderer Blinder eigenständig erarbeitet hatte.
Das ist nun der Grund, warum ich meine Behinderung heute nicht mehr missen möchte. Die Blindheit ist ein Teil von mir, das mich geprägt und zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Ohne diese Behinderung wäre ich garantiert ein anderer Mensch als derjenige, den meine Mitmenschen heute erleben.
Eine Behinderung ist zweifelsfrei eine Beeinträchtigung, die viele Nachteile mit sich bringt. Zugleich ist sie jedoch auch eine Herausforderung, an der ein Mensch wachsen kann. Dank meiner Behinderung ist mir das in vielen Bereichen glücklicherweise gelungen.
Allerdings hatte ich dabe auch Glück. Während der Phase, als es mir mit meiner schwindenden Sehkraft sehr dreckig ging, hatte ich gute Freunde und auch die Chance, mich mit mancherlei Anläufen in vielen Bereichen auszuprobieren. Das erste, zweite und sogar das dritte Scheitern konnte ich dadurch ertragen und es trotzdem ein viertes Mal versuchen, das dann den Erfolg beim fünften oder sechsten Anlauf ermöglichte.
So lernte ich Gleichmut und Gelassenheit. Ich musste mich vielfach damit begnügen, dass ich nicht perfekt war und trotzdem gut genug. Ich musste auch Kränkungen hinnehmen und herablassendes Mitleid von Menschen, die mir gnädigerweise eine neue Chance gaben.
Allerdings lernte ich auch großartige Menschen kennen, die mich respektierten. Allmählich fand ich mein Selbstbewusstsein und meinen rheinischen Optimismus wieder. Ich habe in meinem Leben letztlich bereits so viel geschafft, dass ich fast jede Situation irgendwie bewältigen kann.
Meine Zuversicht und mein Selbstvertrauen sind ziemlich groß dank des großen Erfahrungsschatzes an Herausforderungen, die ich in meinem Leben bereits bewältigen konnte. Groß ist aber auch meine Demut angesichts der vielen Dinge, die ich einfach nicht kann. Mir ist bewusst, dass mein Glück mir geholfen hat, eine Herausforderung zu bewältigen, an der manch anderer zerbrochen wäre.
„Ableismus“ ist deswegen nicht angesagt. Was ich kann, muss noch lange nicht jeder oder jede andere Blinde können. Was andere könnten, muss ich noch lange nicht ganz genauso schaffen, denn eine Behinderung ist keine Bringschuld.
Meine zusätzlichen Behinderungen, die 2005 nacheinander hinzugekommen sind, haben mich deshalb auch nicht umgeworfen, wenngleich mich vor allem meine Gehbehinderung sehr stark einschränkt. Die Schiene unter der Hose ist zwar nicht zu sehen, aber ohne sie kann ich auf der Straße nicht sicher gehen. Auch mit ihr ist meine Sturzgefahr so groß, dass ich mich nicht ohne Begleitung aus dem Haus hinaus traue.
Manchmal macht micht die Rücksichtslosigkeit meiner Mitmenschen traurig oder wütend. Sie legen Blinden unnötige Barrieren in den Weg oder behandeln mich als Blinden, als sei ich blöd. Von Blinden erwarten manche, dass alle genau das Gleiche können, was derjenige Blinde kann, den sie kennen.
Auch Blinde begegnen mir mitunter mit solchen Vorurteilen. Auch bei ihnen gibt es gelegentlich Schubladendenken nach der Devise, dass alle Blinden das können müssten, was sie selber sich mühsam angeeignet haben. Das macht mich dann besonders ärgerlich und traurig.
Trotz derart negativer Erlebnisse ist meine Grundhaltung aber positiv. „Was kümmert´s den Baum, wenn das Schwein sich an ihm schabt“, denke ich dann. „Ich bin, wie ich bin; und das ist gut.“

Ein Kommentar zu “Meine Sicht: Behinderungen können eine starke Herausforderung sein

  1. Pingback: Krieg ist ein Verbrechen: Blinde sind besonders betroffen | Franz-Josef Hanke

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