Dämliche Diskriminierung: Ich bin ein alter weißer Mann

Ich bin ein alter weißer Mann. Das weiß ich. Aber sehe ich deswegen auch immer alt aus?
Mittlerweile nervt mich diese ständige Herabwürdigung der „alten weißen Männer“. Was kann ein mensch für sein Alter, seine Hautfarbe und sein Geschlecht. Wer gegen Diskriminierung ankämpft, sollte selber auch niemanden diskriminieren!
Unbestreitbar gibt es Menschen, die andere aufgrund ihrer dunklen Haut, ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts diskriminieren. Häufig sind das Männer. Oft haben sie eine eher hellere Haut.
Unter den Rassisten und Homophoben gibt es aber auch jüngere Menschen und auch Frauen. Ebenso gibt es unter den älteren männlichen Bürgern mit heller Hautfarbe auch fortschrittlich Denkende und Handelnde sowie engagierte Zeitgenossen. Alter, Hautfarbe und Geschlecht sagen wenig aus über Charakter und politische Haltung oder soziales Engagement.
Allerdings werden Menschen durch ihre Lebenserfahrung geprägt. Sie beinhaltet dann auch jene Verhaltensmuster, die vor 30 oder 40 sowie vielleicht sogar auch vor 50 oder 60 Jahren üblich waren. Diese Erfahrung kann jedoch ein Schatz sein, der nicht nur die betreffenden Menschen, sondern auch ihre Mitmenschen bereichern könnte.
In meiner Jugendzeit wurde das „N-Wort“ oft sehr arglos gebraucht. Nicht jeder, der Menschen mit dunkler Haut mit diesem Wort bezeichnete, war ein Rassist. Darum sollte man die Verwendung dieses Worts immer im jeweiligen Zeit- und Gesellschaftskontext bewerten.
Wichtig ist, dass die Gesellschaft sich durch eine ständige Infragestellung überkommener Traditionen laufend erneuert. Das ist zugleich ihre größte Chance und auch eine große Gefahr. Denn was heute als „modern“ gilt, kann sich morgen schon als Irrweg erweisen.
Die Ausrichtung der Städte nach den Bedürfnissen eines reibungslosen Autoverkehrs galt in den 60er Jahren als zukunftsweisend. Die Zersiedelung des Ländlichen Raums und die „Flurbereinigung“ mit der Zerstörung von Feldrainen und Hecken wurde als „Verbesserung“ gepriesen. Flächenversiegelung und Flussbegradigung galten als notwendige Eingriffe in die Natur, um deren „Kräfte zu bändigen“.
Wenn wir heutzutage vieles besser wissen, können wir das alte Wissen vielleicht wieder reaktivieren und schauen, wie die Menschen in den 50er und frühen 60er Jahren gelebt haben. Davon können alte Männer und Frauen gewiss gut erzählen.
Wenn wir den Kolonialismus kritisch betrachten, dann sollten wir vielleicht auch darüber nachdenken, warum alte Leute in Deutschland eher eine hellere Haut haben. Die Fluchtbewegungen aus Afrika gab es damals nämlich noch nicht; und auch die sogenannten „Gastarbeiter“ sollten nach den damaligen Vorstellungen eigentlich nach getaner Arbeit wieder heimgehen in ihre Herkunftsländer.
Der Kolonialismus bestand seinerzeit in einer paternalistischen Einstellung gegenüber den Ländern der – damals noch sogenannten – „Dritten Welt“. Die Raubkunst in Museen galt als „exotisch“, weil die meisten Menschen in den 60er Jahren Deutschland allenfalls für einen Urlaub in Österreich oder Italien verließen.
Allerdings nannte man Flugreisende bis in die 70er Jahre noch „Jet Set“, weil sich kaum jemand teure Flüge in ferne Länder leiten konnte. Im Urlaub mussten sich viele mit Reisen ins nächste Mittelgebirge oder die Küsten im Norden Deutschlands begnügen. Klimaschutz war kaum ein Problem, weil Genügsamkeit notwendige Lebensbedingung der meisten Menschen in Europa war.
Das alles habe ich noch bewusst miterlebt. Die Wandlungen des täglichen Lebens hin zu Internet und Massenmobilität habe ich seit ihren frühen Anfängen mitbekommen. Mitgegangen bin ich mit ihnen manchmal mit Skepsis und manchmal aus Überzeugung, aber oft auch mit Wehmut über das, was dadurch verdrängt wurde.
Wenn ich heute ein „alter weißer Mann“ bin, dann bin ichglücklich darüber, bisher die unterschiedlichsten Lebenslagen und Gefahren überstanden zu haben. Mitunter fühle ich mich sogar als „alter weiser Mann“. Jedenfalls kann ich der generalisierenden Abwertung „alter weißer Männer“ nur die Überzeugung entgegenhalten, dass keinerlei Diskriminierung einem gesellschaftlichen Fortschritt jemals dienen kann.