Hereinspaziert bitte: Touristenvisa für Russinnen und Russen

Einige europäische Länder wollen keine Schengen-Visa mehr an russische Touristen vergeben. Damit erschweren sie Oppositionellen aber die Flucht vor dem Diktator.
Sicherlich mag es gerade für Geflüchtete aus der Ukraine sehr belastend sein, an vermeintlich sicheren Orten in der Europäischen Union (EU? gut gelaunten Touristinnen oder Touristen ausgerechnet aus Russland zu begegnen. Unbestreitbar ist es für sie auch belastend, die Sprache des Aggressors zu hören. Dass die russische Armee am 24. Februar 2022 einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen hat, ist unbestreitbar.
Dennoch sollten sich die Nachbarländer der Ukraine davor hüten, sich gänzlich der Kriegslogik unterzuordnen, die für die Ukraine vermutlich überlebenswichtig ist. Ebenso überlebenswichtig für die Ukraine ist unbestreitbar auch, dass es irgendwann einen Frieden mit dem großen Nachbarland geben muss. Voraussetzung dafür ist höchstwahrscheinlich auch, dass die russische Opposition nicht gänzlich vernichtet wird.
Viele mutige Menschen haben in Russland nach dem Angriff auf die Ukraine den Mund aufgemacht. Manche haben sich eher vorsichtig geäußert. Andere hingegen haben sich ganz unmissverständlich gegen diesen Krieg positioniert.
Ihnen allen muss die Möglichkeit offenstehen, bei Gefahr für Leib und Leben oder für ihre Angehörigen in den Westen zu flüchten. Touristenvisa sind die günstigste Möglichkeit für sie, Russland zu verlassen. Alle anderen Alternativen hingegen sind mit einem erheblich größeren Risiko verbunden.
Ohnehin sind die wenigsten Russinnen und Russen, die in die EU einreisen, überzeugte Anhängerinnen und Anhänger des Präsidenten Vladimir Putin. Seine Fans sind häufig eher unbeweglich sowohl bei ihren touristischen als auch bei ihren geistigen Bewegungen. Zudem dürfte den meisten Menschen in Russland angesichts der Sanktionen das Geld für touristische Reisen ins westliche Ausland fehlen.
Touristenvisa werden deshalb wohl am ehesten denjenigen Menschen gewährt werden, die sie als Sprungbrett für eine Flucht vor dem Diktator nutzen möchten. Denjenigen, die auf EU-Sanktionslisten bekannter Putin-Unterstützer stehen, werden solche Visa wohl sowieso schon verweigert. Allen anderen sollten sie weiter offenstehen als Möglichkeit, den Überwachungsstaat zu verlassen und sich in einer Demokratie – zumindest vorübergehend einmal – umzutun und vielleicht hierzubleiben.