Ischia: Für einige wurde das Paradies kurz zur Hölle

Hölle und Paradies liegen oft nicht weit voneinander entfernt. Das zeigte sich am Montag (21. Oktober) bei einem Erdbeben auf der Mittelmeerinsel Ischia. Zwei Menschen starben in nicht erdbebensicheren Bauten. !–more–>
Mehrmals habe ich mit meiner Ehefrau Urlaub auf Ischia gemacht. In dem besonders stark betroffenen Ort Casamicciola bin ich zwar nur einmal im Rahmen einer Inselrundfahrt mit dem Bus gewesen; aber ansonsten ist mir die Insel im Golf von Neapel durchaus vertraut. Erdmuthe Sturz und ich wohnten allerdings in Sant Angelo im Süden Ischias.
Heiße Quellen zeugen vom vulkanischen Charakter der Insel. Rhadondämpfe treten am Strand von Sant Angelo aus. Der Sand dort ist so heiß, dass man einige Stellen nicht betreten und sogar Rosmarinkartoffeln darin garen kann.
Auch Angela Merkel verbringt ihren Osterurlaub gewöhnlich auf Ischia. Ostern ist wirklich die schönste Zeit dort, weil es überall nach Pflanzen duftet und das Meer sich allmählich wieder erwärmt für die Badenden.
Sant Angelo ist autofrei. Am Ortseingang befindet sich ein großer Parkplatz und die Bushaltestelle. Von da an verkehren nur ochh Elektrokarren, Mulis und der Motorroller des Briefträgers.
Die Gassen des kleinen Fischerstädtchens sind auch zu eng für regulären Autoverkehr. Einige Pensionen und Hotels sind zudem so in den Berg hineingebaut, dass sie nur über viele Treppenstufen erreichbar sind. Geliefert bekommen sie ihre Waren mit Maultieren, die – wenn auch nur widerwillig – die langen Treppen hinaufsteigen.
Als „eine Mischung aus Jugendherberge und Paradies“ bezeichnete Erdmuthes Freundin unsere Pension. Sie ist nur über etwa 170 Stufen erreichbar und besteht fast nur aus Anbauten an ein einstmals winziges Häuschen.
Beim Bauen nehmen die Insulaner es offenbar nicht immer genau. Das machte das paradies nun zur Hölle. Einstürzende Neubauten begruben zwei Frauen und drei Kinder unter sich. Die Kinder wurden gerettet. Für die Frauen kam jede Hilfe zu spät.
Möglicherweise werden einige Touristen Ischia nun meiden. Dabei gibt es weitaus heftigere Erdbeben in Italien als das der Stärke 4 auf der Richter-Skala.
Das Castello von Porto dÍschia ist eines der beeindruckendsten Bauwerke, das ich jemals gesehen habe. Durch dicke Mauern und Tore wird ein uraltes Bauwerk gegen Angriffe von Piraten gesichert, das sich Hunderte von Metern oberhalb des befestigten Portals befindet. Ein Nonnenkloster zeugt dort von archaischen Ritualen, mit denen die Nonnen sich zum Sterben in einen Keller zurückzogen.
Gleich gegenüber von Ischia liegt Capri. Mit der Zahnradbahn fährt man dort hinauf nach Anna Capri. Von dort führt ein langer Weg zwischen wunderbaren Gärten mit Orangen, Zitronen und Palmen hinter schmiedeeisernen Kunstgittern oder halbhohen Mauern allmählich hinauf zur Villa Tiberio.
Am höchsten Punkt der Insel hatte der römische Kaiser Tiberius sein Landhaus errichtet. Hier hatte er den schönsten Ausblick im gesamten römischen Reich: Von der antiken römischen Ruine aus schaut man über den gesamten Golf von Neapel und den Golf von Sorent auf die „Campi Flegrei“, wo in der Ferne die Gipfel des Ätna und des Vesuv Rauchsäulen in den Himmel ausstoßen.
In ihrem Roman „Ein Sommer auf Ischia“ beschrieb Christine Brückner das Leben und Treiben auf der Insel. Die „Beppi“ sind alternde Papagalli, die nun die älteren Besucherinnen anbaggern, nachdem sie selbst auch in die Jahre gekommen sind. Alte Frauen – vornehmlich aus Deutschland – bilden vermutlich die größte Gruppe unter den Feriengästen der Insel.
Für Brückner war der Urlaub wohl die Hölle. Das lag aber weniger an der Insel als an ihrer Midlifecrisis. Ausführlich suhlt sie sich in ihrem Roman in solchen Befindlichkeiten.
Bäder und Berge, Orte und Menschen machen Ischia für mich aber eher zum Paradies. Die beste Pizza der Welt bekamen wir in Panza von einem Mädchen mit Trisomie 21 serviert, das ganz selbstverständlich die Gäste anlächelte. Kassiert wurde nachheer von einer anderen Frau.
Ischia ist für mich eine wunderbare Erinnerung an schöne Tage mit einer wundervollen Frau. Leider ist Erdmuthe nun nicht mehr unter uns, sondern vermutlich im Paradies, wenn es das gibt.
Hölle und Paradies liegen nahe beieinander. Zur Hölle wurde das Paradies auf Ischia aber nur, weil Schwarzbauten ohne Genehmigung keine Rücksicht genommen haben auf die Gefahr möglicher Erdbeben. In den Flegreischen Feldern hat diese Nachlässigkeit nun leider tödlich geendet.

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