Schwarzer September und deutscher Herbst: Meine Erinnerungen an Terror und Hysterie

Haben Sie schon mal in ein Gewehr geblickt? Ich hatte furchtbare Angst; aber der junge Mann, der mir die Maschinenpistole entgegenhielt, fürchtete sich wahrscheinlich noch mehr als ich. Der „Deutsche Herbst“ war Terror!
Zwei Jahrestage am Dienstag (5. September) fördern meine unangenehmen Erinnerung wieder zutage: Am 5. September 1977 hat die Rote Armee Fraktion (RAF) den Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer in Köln-Braunsfeld entführt. Am 5. September 1972 überfielen Terroristen der Palästinenserorganisation „Schwarzer September“ das Olympische Dorf in München.
„Fröhliche Spiele“ hätten es werden sollen. Der beliebte Fernsehmoderator und Schauspieler Hans-Joachim Fuchsberger alias „Blacky“ hätte sich vorher wohl kaum träumen lassen, was er im Verlauf der Olympischen Spiele als Stadionsprecher verkünden musste: „Am frühen Morgen sind Bewaffnete ins Olympische Dorf eingedrungen und haben israelischen Ringer-rainer Mosche Weinberg und den SportlerJosef Romano erschossen. Neun weitere israelische Sportler haben sie als Geiseln genommen.“
In der darauffolgenden Nacht scheiterte der Versuch einer Geiselbefreiung auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck dramatisch. Fünf der acht palästinensischen Geiselnehmer und alle neun verbliebenen Geiseln sowie ein Polizeibeamter starben im Kugelhagel.
Der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher zog eine Konsequenz aus diesem vermeidbaren Drama: Er stellte das Grenzschutz-Sonderkommando 9 (GSG 9) auf. Für Geiselbefreiungen und die Bekämpfung anderer Terroranschläge wurden Scharfschützen ausgestattet und systematisch ausgebildet.
Ein Mahnmal für die Opfer des Anschlags auf die israelische Mannschaft ist erst am Mittwoch (6. September) 45 Jahre nach dem Attentat auf dem Olympia-Gelände eingeweiht worden. Dem Vernehmen nach hat sich vor allem das Internationale Olympische Kommitee (IOC) unter seinem Präsidenten Thomas Bach lange gegen dieses Denkmal gesträubt. Wenig Erwähung fand selbst jetzt die Tatsache, dass die palästinensichen Terroristen Unterstützung von deutschen Neonazis bei ihrem Anschlag auf die israelischen Sportler erhalten haben sollen.
Ein Mahnmal gegen Terror und Gewalt gleich welcher politischen Richtung wäre meines Erachtens längst überfällig. Die verheerende Wirkung des Attentats von München wie auch der Terrorserie der RAF habe ich am eigenen Leib miterlebt: Im „Deutschen Herbst“ herrschte eine brandgefährliche Hysterie in Deutschland.
Nach der Schleier-Entführung wurde ich plötzich selber zur Zielscheibe völlig unsinniger Verdächtigungen. Damals hatte ich lange speckige Haare und saß in einem bunt bemalten VW-Bus. So stellte sich Klein-Bubi wohl Terroristen vor, wenngleich die sicherlich nicht so auffällig unterwegs waren wie wir.
Mit meinen beiden Brüdern war ich in Süddeutschland unterwegs. In unserem klapprigen alten VW-Bus fuhren wir von Stadt zu Stadt, um dort die Linienbusse zu fotografieren. „Bus Spotting“ nennen die Angelsachsen dieses durchaus seltene Hobby.
Gleich an drei aufeinanderfolgenden Tagen brachte uns unser ungewöhnliches Hobby damals brenzlige Konfrontationen mit der Polizei ein. Auf einer Autobahn wurden wir herausgewinkt und von bewaffneten beamten mit Maschinenpistolen in Schach gehalten, während ihre Kollegen unseren VW-Bully durchsuchten. In Sigmaringen kamen zwei Kriminalbeamte in Zivil, durchsuchten unseren Bus und entschuldigten sich danach freundlich dafür.
Im Konstanz hatte der Pförtner des Gaswerks die Polizei alarmiert. Hier durchsuchten zwei uniformierte Beamte unseren Bully. Währenddessen zeigte mein Bruder den Werkstattbediensteten der Stadtwerke Konstanz Fotos von alten Bussen, die er anderswo aufgenommen hatte.
„Lasst die Jungs in Ruhe“, forderten die Bediensteten des Busbetriebs. Einer der beiden Polizisten machte umso akribischer weiter, je lauter die Werkstattbediensteten wurden, wohingegen sein Kollege ihn vergeblich zu beruhigen und von weiteren Aktivitäten abzubringen versuchte.
Wenn ich später Leute hörte, die in aggressivem Ton für die „Freilassung der politischen Gefangenen“ warben und damit die RAF meinten, störte mich das ebenso wie die Äußerung mancher Zeitgenossen, die RAF-Terroristen hätten „die Todesstrafe verdient“. Glüchlicherweise wurde am Mittwoch (6. September) im Hessischen Rundfunk der damalige Innenstaatssekretär und spätere Bundesinnenminister Gerhart Rudolf Baum interviewt, der vor einer „Überreaktion des Staates auf Terrorismus“ warnte, wie sie damals stattgefunden habe. Auch mein Fazit aus dem „deutschen Herbst“ ist die deutliche warnung vor jeder Einschränkung von Freiheitsrechten und vor der gefährlichen anlasslosen Massenüberwachung.
Freiheit verteidigt man nur, wenn man sie sich nicht nehmen lässt. Terror erreicht sein Ziel, wenn ihm die Einschränkung von Freiheitsrechten gelingt. Gewalt kann niemals ein Weg zu Freiheit und Frieden sein.

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4 Kommentare zu “Schwarzer September und deutscher Herbst: Meine Erinnerungen an Terror und Hysterie

  1. Sorry – mein I-Pad spinnt. Mehrere Anläufe fehlgeschlagen. Mal sehen ob es nun klappt ?
    Es gibt Dinge, die man nie vergisst. Dein Beitrag und die Berichte über die Einweihung des Mahnmals in München haben die Bilder sofort wieder in meinem Kopf entstehen lassen .Es begann so schön. München war ein toller Gastgeber, die Sportstätten modern und perfekt. Und dann dieser grausame Terrorangriff, der Staat überfordert und scheinbar machtlos. Das Desaster am Flughafen eine totale Katastrophe. Ich war damals sehr jung und naiv, aber die Spiele hätte ich nicht weiter laufen lassen. Diese armen unschuldigen jungen Menschen. Mein Verständnis für den Kampf der Palästinenser hatte sich damals erledigt und selbst heute habe ich noch meine Schwierigkeiten damit. Mord bleibt Mord und ist kein Freiheitskampf.
    45 Jahre danach ein Mahnmal einzuweihen ist eindeutig zu spät. Besser spät als nie ist eine peinliche Aussage der bayrischen Staatsregierung.
    Die RAF war im Prinzip auch nur ein Mörderverein. Irgendwelche hehren Ziele als Mordargument anzuführen ist dreist und dumm. Genutzt haben die grausamen Morde nur den Hardlinern des Staates, die mehr Überwachung etc. wollten. Ich sehe das genau wie Du.
    Brillant Deine Verbindung von persönlichen Erlebnissen und der Geschichte.
    Im Osten wars’t Du als Langhaariger auch sofort verdächtig. Jeder Polizist und Bürgermeister hatte Albträume, wenn die Gammler kamen. Mit meiner Lehre als Kellner hatten sich dann die langen Haare leider erledigt.
    Viele Grüße aus dem Vogtland
    Ronald
    PS: Die Stones heute in HH – Abschiedstour ???

  2. „Freiheit verteidigt man nur, wenn man sie sich nicht nehmen lässt. Terror erreicht sein Ziel, wenn ihm die Einschränkung von Freiheitsrechten gelingt.“ Sollte ich nicht eher vermeiiden, überhaupt erst gefesselt zu werden, Augen und Mund verbunden, so dass niemand die Schreie hört? Oder macht’s auch ein „befreiend“ Lachen?
    11. September 2001: Ein Terror-Angriff auf New York verändert die Welt. Die Haupttäter sind rasch identifiziert. Mohammed Atta und Ziad Jarrah. Sie kamen aus Deutschland, aus Hamburg. Eingeschrieben an der Technischen Universität, hat Atta die Attentate vorbereitet – einer von vielen Auslandsstudenten. Sieh an, sie kamen aus Deutschland. So was bildet man dort auch aus?
    Da kann es schon mal vorkommen, dass Du mit 1,5 kg hochexplosivem Sprengstoff in der Nachbarwohnung aufwachst usw. usf.. 😉 Ist das ein Witz oder kann das weg? Das ist doch zum Lachen.

  3. Mal abgesehen davon, dass die Attentäter auch in den Staaten ihre perverse Aktion vorbereitet haben, verstehe ich hier nicht den Zusammenhang zum Beitrag von FJH.
    Terror ist kompliziert im Entstehen und für normale Menschen nur schlecht zu begreifen. Genauso wenig verstehe ich Rechtsradikale die in deutsche Schulen gegangen sind und aus europäischer Geschichte nichts gelernt haben.
    Vielleicht sollten Sie in Ihrer Verbitterung und Ihrem Hass auf Gott und die Welt mal ein Eierlikörchen trinken und ein gutes Buch lesen (Das kalte Blut).
    Viele Grüße aus dem Vogtland

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