Dank des Dialekts den Krieg überlebt: Das rettende rollende R

„Ich hann der janze Daach im Jaade jefräs“, sagte mein Onkel Jakob im breitesten rheinischen Dialekt. Möglicherweise verdankt er dieser Mundart sein Leben. Jedenfalls gehörte das Eifeler Platt zu Jakob Kessel ebenso wie seine wohlklingende sonore Stimme und seine kräftige Statur.
Als junge Mann hatte er im Zweiten weltkrieg gedient. Sein Einsatzgebiet war damals das deutschsprachige Belgien in der Gegend um Eupen und Malmedy. Dort kämpfte Kessel als junger Soldat in der Deutschen Wehrmacht für Adolf Hitler. Mit Politik hatte er wenig am Hut. Ihm ging es damals nur ums nackte Überleben.
So schlich er nachts in Zivil zu den umliegenden Bauernhöfen, um Lebensmittel zu tauschen. Dafür bezahlte er beispielsweise mit einem Taschenmesser oder anderen Gegenständen, die er gefallenen Kameraden abgenommen hatte.
„Hatt Ühr Äapel?“ Anders fragen konnte Köbes nicht. Denn der junge Mann beherrschte weder Hochdeutsch noch die französische Sprache.
Das rollende „R“ in seiner Aussprache verriet ihn als Landei. Was er allerdings nicht wusste: Die Leute in der Gegend hinter der deutsch-belgischen Grenze sprachen fast den gleichen Dialekt wie die Menschen auf der anderen Seite in Deutschland.
So hielten sie ihn für einen der ihren und gaben ihm, was sie geben konnten. Mit reicher Ausbbeute kehrte er zurück zu seiner Einheit.
Wieder und wieder ging Jakob „organisieren“. Fast immer kehrte er mit reicher Ausbeute zurück.
So setzten seine Kameraden ihn bald gezielt zur Beschaffung von Lebensmitteln ein. Tauschobjekte gaben sie ihm dafür reichlich mit.
Bald ernährte „Köbes“ – wie der Rheinländer jeden Kellner und alle Männer mit dem Vornamen „Jakob“ nennt- die gesamte Einheit. Nichts wäre für sie fataler gewesen, als diese überlebenswichtige Nahrungsquelle zu verlieren. So tat er bald nur noch Dienst in geschützten Stellungen ein gutes Stück hinter der Front.
Vielleicht hat mein Onkel Jakob nur wegen seines Dialekts den Krieg überlebt. In jedem Fall aber hat er gelernt, dass die Menschen auf beiden Seiten der Front eigentlich ziemlich änlich waren, wenn man einmal von faschistischen gesinnungen mancher Deutscher absieht. Bis zu seinem Tod hat er jedenfalls stolz seinen Eifeler Dialekt und vor allem das rettende rollende „R“ gepflegt.

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