Seine schwebende Begeisterung: Abschied von meinem Schulfreund Roger Willemsen

Wir hatten gemeinsam Unterricht in Mathematik und Philosophie. Nach dem Abitur hatten wir nur zweimal engeren Kontakt. Doch für mich ist Roger Willemsen ein Freund geblieben, mit dem ich auch intime persönliche Gespräche führen konnte.
Der Fernseh- und Hörfunkmoderator, Buchautor und „überzeugte Weltbürger“ ist am Sonntag (7. Februar) im Alter von 60 Jahren gestorben. Mit ihm verliert die deutsche Medienlandschaft einen kritischen Geist, der auch unangenehme Wahrheiten aussprach und persönliche Nachteile danach nicht scheute.
Roger und sein älterer Bruder Jan besuchten – genauso wie ich und drei meiner Brüder – das Helmholtz-Gymnasium in Bonn-Duisdorf. Nach einer Ehrenrunde kam ich in seinen Jahrgang.
Besonders aufgefallen ist Roger mir damals im Philosophiekurs. Den unterrichtete der Vater von Sabriye Tenberken. Diesem jungen und engagierten Lehrer verdanken wir beide viele prägende Anregungen.
Mathematik war eher nicht mein Ding. Allerdings hatten wir da eine junge Lehrerin, die in Jeans und Parka herumlief wie wir. Kaum verstehen konnten wir alle, dass sie später mit einem älteren Kollegen anbandelte, dessen Sohn auch in unserem Jahrgang war.
Ansonsten standen wir alle immer auf dem Raucherhof herum und diskutierten, auch wenn nicht alle von uns rauchten. Aber die Gespräche mit Roger und vor allem meinem Schulfreund Willi waren wichtig für mich. Sicherlich hat auch Roger viel davon mitgenommen.
Wiedergetroffen habe ich Roger Willemsen dann bei einer Veranstaltung der Aktion Mensch (AM) in der Urania Berlin. Der Deutsche Bundestag hatte den Artikel 3 Absatz 3 Satz 2 „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ ins Grundgesetz aufgenommen. Das musste gebührend gefeiert werden.
Hans-Jochen Vogel erläuterte, wie er mit diesem einfachen Satz den Durchbruch erreicht hatte. Andere erklärten, was diese Grundgesetzänderung für sie als Behinderte bedeutete. Dieter „Thomas“ Heck freute sich darüber im Kreis vieler behinderter Fans, denen er mit großem Respekt und absolut ungezwungener Natürlichkeit begegenete.
Den Abend moderierte Roger Willemsen. Als das offizielle Proggramm zu Ende war, ging ich mit meiner Begleiterin zu ihm und sprach ihn an. Er erkannte mich und schlug vor, am nächsten Morgen gemeinsam zu frühstücken.
Wir waren im gleichen Hotel am Lützowplatz untergebracht. Am Frühstückstisch hielt ich einen platz für meinen Schulkameraden frei. Zur verabredeten Zeit setzte er sich dann auch zu uns.
Die anwesenden Frauen hingen an seinen Lippen. Der große schlanke Mann beeindruckte sowohl durch sein Aussehen als auch durch Esprit.
Schwärmerisch erinnerte er sich an unsere Mathematiklehrerin: „Sie schwebte in den Klassenraum“, begeisterte er sich. „Wir alle waren irgendwie in sie verliebt.“
Verknallt war ich zwar nicht in sie, aber schon voller Sympathie. Mit ihr war ich auf Klassenfahrt in Berlin, wo sie von den meisten Offiziellen nicht als Lehrerin erkannt wurde, weil sie genauso aussah wie meine Mitschülerinnen.
Den alten Mathe-Pauker, den sie später geheiratet hat, mochte ich absolut nicht. Er hatte mir schlechte Noten gegeben und sagte dazu in gehässigem Ton: „Dummheit und Faulheit müssen bestraft werden.“
Über all das sprachen Roger und ich, während die anderen am Tisch unserem Gespräch oft kaum folgen konnten. Manchmal versuchte Roger, sie durch seine schwärmerischen Beschreibungen der jungen Lehrerin ein wenig mitzunehmen bei unseren Erinnerungen an die gute alte Zeit unserer Jugend.
Jedenfalls vergrößerte sich dank seiner schwebenden Begeisterung die Zahl seiner Fans an diesem Morgen eher noch. Ein wenig neidisch war ich darauf, wenngleich ich mich doch auch etwas in seinem Ruhm sonnen konnte.
Etwa zwei Jahre später kam Willemsen zu einem Vortrag nach Marburg in die Waggonhalle. Ich saß in der dritten Reihe. Roger sprach über Musik und stellte einige seiner Lieblingsstücke vor.
Nach gut fünf Minuten machte ich bei passender Gelegenheit einen Zwischenruf. Er stutzte und rief erfreut „Hanke!“.
Nach der Veranstaltung gingen wir noch gemeinsam in eine Kneipe. Dort unterhielten wir uns über persönliche Dinge und er fragte mich dabei um einen Rat, den er auch nach kurzer Überlegung annahm. Diese Erfahrung festigte meine Verbindung zu ihm und begründet meine Einschätzung, ihn als „Freund“ zu betrachten.
Sein Buchprojekt „Das hohe Haus“ über die Arbeit des Deutschen Bundestags veranlasste mich, ihn zu einer Veranstaltung einzuladen. Dazu ist es wegen seiner Krebserkrankung dann aber nicht mehr gekommen.
Wenn ich nun überall lese, dass Roger Willemsen fehlen wird, so berührt mich diese Tatsache tief. Wir waren zwar nie beste Freunde, doch immerhin gute Freunde. Für seine Freundschaft danke ich ihm und für all das, was er aus Überzeugung für die Demokratie, die Mitmenschlichkeit und den Frieden getan hat.

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Ein Kommentar zu “Seine schwebende Begeisterung: Abschied von meinem Schulfreund Roger Willemsen

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