Neun Tote und 16 Verletzte beim OEZ in München mahnen: Mitmenschlichkeit statt Terror!

Was für eine Nacht: Neun Tote und 16 Verletzte meldet die Polizei nach einer abendlichen Schießerei am Freitag (22. Juli) im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) München. Ein 18-jähriger Deutsch-Iraner sei als Einzeltäter dafür verantwortlich und habe sich am Ende wohl selber umgebracht.
Zwei laute Böller und nach längerer Pause ein noch lauterer dritter unmittelbar in meiner Nachbarschaft haben mich mitten in der Nacht aufschrecken lassen. Sorge und Angst machen sich breit und stimmen mich nachdenklich sowie traurig. Werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass wir nachts nicht mehr ruhig schlafen können oder morgens mit immer neuen Horrorbotschaften aufwachen?
Seit Jahresbeginn haben wir mit immer schlimmeren Nachrichten zurechtkommen müssen. In den letzten Tagen gehören die Horrorbotschaften fast schon zur morgendlichen „Routine“. Heute ist schon wieder so ein böser Morgen.
Erst am Mittwoch (20. Juli) hatten Dr. Eckart Fuchs, Jens Bertrams und ich bei unserem Lagebesprech Nummer 25 einen Rundumschlag von Nizza über die Türkei bis Würzburg unternommen. Sorgen bereiteten uns dabei die politische Lage nach dem Putsch in der Türkei und die Furcht vor terroristischen Attentaten sowie damit gerechtfertigte Überwachungsmaßnahmen gegen die Bevölkerung. Seine Gedanken und Empfindungen hat der Journalist Jens Bertrams am Freitag (22. Juli) in den beiden Blogbeiträgen Welt aus den Angeln sowie der Warnung München: Angst und alles, was damit verbunden ist eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht.
Leider steht zu befürchten, dass sich nach dem Amoklauf – oder war es doch ein Anschlag? – am Freitagabend in München das altbekannte widerliche Spiel von Terror und Reaktion mit Terror in Form einer weiteren Verschärfung der staatlichen Überwachung erneut wiederholen wird. Nicht ohne Grund nennt der Verein Digitalcourage in Bielefeld den Bundesinnenminister Thomas de Maiziere inzwischen nur noch „Terrorthomas“. Dabei belegen Belgien und Frankreich, wo die Vorratsdatenspeicherung (VDS) schon lange ausgiebig genutzt wird, dass sie Terroranschläge offenbar nicht verhindern kann, sondern nur die Einschüchterung demokratischer Bürger zur Folge hat.
Fragen sollten sich die Verantwortlichen stattdessen, warum junge Männer im Alter von 17 oder 18 Jahren so brutale Taten verüben. Fragen sollten sich alle Bürgerinnen und Bürger, ob die Zunahme von Hass und verbaler Gewalt in sogenannten „Sozialen Netzwerken“ nicht auf Dauer abstumpfend wirkt. Fragen sollten sich Spielehersteller und Fernseh- oder Filmschaffende auch, ob die Darstellung von gewalt allein zur Unterhaltung wirklich nötig ist oder ob sie nicht besser freiwillig darauf verzichten sollten.
Als „Brandbeschleuniger“ wirkt aber auch eine „Berichterstattung“ wie am Freitagabend um 20 Uhr in der Tagesschau: Immer wieder stellte Moderator Jens Riewa den beiden Reportern vor Ort die gleichen Fragen, die sie jedesmal nicht beantworten konnten. Das Ergebnis war die Verunsicherung der Zuschauenden durch die ständige Wiederholung des Satzes „Ich weiß es nicht“.
Hätte Riewa wenigstens bei der zweiten „Lifeschalte“ zu Eckhart Querner und Richard Gutjahr nur noch gefragt, was es inzwischen Neues gibt, wäre seine Moderation zum Einen weniger peinlich und zum Zweiten weniger beängstigend gewesen. Stattdessen berieselte die Tagesschau ihr Publikum jedoch mit hektischer Panikmache ohne Inhalt. Auch die Beschreibung der Polizisten als „unsicher“ oder „ängstlich“ mag zwar veranschaulichen, dass die Lage noch nicht geklärt war, ist aber angesichts eines oder möglicherweise gar mehrerer Todesschützen nicht wirklich angebracht.
Beinahe beruhigend wirkte dagegen die Aufforderung der Polizei über Twitter, die Wohnung nicht zu verlassen und keine Angaben zum Polizeieinsatz online zu stellen, um Täter dadurch nicht unnötig mit Informationen zu versorgen. Auch die Einstellung des gesamten Öffentlichen Nahverkehrs und des Zugverkehrs in München war eine sinnvolle Maßnahme für den Fall, dass es sich tatsächlich um ein Terrorattentat handelte.
Die zwischenzeitlich genannte Zahl von möglicherweise drei Attentäter könnte die spätere Angabe erklären, dass eine Zivilstreife der Polizei kurz nach Beginn des Amoklaufs „Kontakt“ zum Täter gehabt und ihn „beshossen“ habe. Somit hat es dann tatsächlich mehr als einen Schützen im OEZ gegeben.
Ausdrücklich danken möchte ich hier all denen, die ihre Wohnung gestrandeten Mitmenschen zum Unterschlupf und Schutz angeboten haben. Danken möchte ich auch den Polizeibeamten und Sanitätern, die sich trotz eigener Lebensgefahr an den Tatort begeben haten, um andere Menschen zu retten oder zu schützen.
Anregen möchte ich, dass die Gesellschaft einmal darüber nachdenken sollte, welche Traumata derartige Ereignisse nicht nur bei direkt Betroffenen und deren Angehörigen hinterlassen. Der Leuchtfeuer-Preisträger Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter hat festgestellt, dass Traumata sich nicht nur von der Kriegsgeneration auf ihre Kinder, sondern auch weiter bis zur Generation der Enkel vererben. Diese Ängste nutzen skrupellose Panikmacher leider gezielt aus, um Demokratie und Meinungsfreiheit einzuschränken.
Gerade München hat gleich mehrere schlimme Erfahrungen mit terroristischen Attentaten: Neben dem Olympia-Attentat 1972 nur wenige hundert Meter vom jetzigen Tatort entfernt gab es dort 1980 den Anschlag auf das Oktoberfest. Wie sich immer mehr herausschält, waren aber auch daran V-Leute von Geheimdiensten beteiligt, deren Treiben hinterher von den sogenannten „Sicherheitsbehörden“ gezielt gedeckt wurde.
Gerade deswegen möchte ich diesen Behörden keinesfalls meinen Schutz überlassen. Gar nicht vorstellen möchte ich mir, was wäre, wenn in Deutschland ein Putsch stattfände wie in der Türkei und die Behörden dank der VDS auf persönliche Daten demokratisch engagierter Mitmenschen zurückgreifen könnten. Den undemokratisch agierenden und offenkundig verlogenen Geheimdiensten in Deutschland traue ich beinahe alles zu.
Ohnehin ist die Gefahr, durch ein Terrorattentat zu sterben, in Deutschland weitaus geringer als die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen. Deswegen plädiere ich für eine Entmilitarisierung der Innen- und der Außenpolitik sowie eine Entmachtung der Geheimdienste. Zudem rufe ich auf zur Teilnahme am Geheimdiensttribunal der Humanistischen Union (HU) und Amnesty International (AI) am 21. und 22. Oktober in Berlin.

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3 Kommentare zu “Neun Tote und 16 Verletzte beim OEZ in München mahnen: Mitmenschlichkeit statt Terror!

  1. Eine Bekannte aus München meldete sich eben telefonisch bei mir. Sie war gestern abend am Münchner Hauptbahnhof, als er geräumt wurde. Glücklicherweise konnte sie mit ihrem Freund rasch nach Hause zurücklaufen. Was ich erschreckend finde, ist die Tatsache, dass der 18 Jahre alte Deutsch-Iraner eine Waffe hatte. Leider sind auch in Deutschland viel zu viele scharfe Waffen bei Privatleuten vorhanden. Sogenannte „Sportschützen“ sollten keine scharfen Waffen erhalten, sondern nur spezielle Übungswaffen, die deutlich als solche erkennbar sind und nur per Laser, Licht oder digital Treffer auslösen können. Was mich entsetzt, ist die Nachricht, der Schütze vom OEZ habe über Facebook gezielt junge Leute ins Mac Donald´s eingeladen, um sie dort dann zu töten. Wie viel Frust oder Hass muss ein Mensch in sich tragen, um so etwas Heimtückisches und Perverses zu tun? Betrübt bin ich ob der Tatsache, dass ein psychisch kranker junger Mensch anscheinend nicht die Unterstützung erhalten hat, derer er offenbar bedurfte. Gerade im Bereich der psychologischen Hilfen steckt in Deutschland vieles im Argen. Anstatt Menschen wegzusperren und mit Medikamenten vollzupumpen, brauchen wir psychosoziale Einrichtungen vor Ort, wo Menschen wohnortnah Hilfe bekommen, ohne darauf monatelang warten zu müssen. Trotz aller Trauer und Ratlosigkeit gilt: Lasst Euch nicht von Mitmenschlichkeit und Solidarität abbringen! Jedes Leben ist kostbbar; deshalb soll man seines so gut und solidarisch wie möglich gestalten. fjh

  2. Ich finde es schon erstaunlich wie sich die Verantwortlichen in München selbst beglückwünschen und ihren Einsatz für gelungen halten. Dabei war dort ein totales Chaos und Falschmeldungen bzw. Panikmacherei durchzogen das Desaster.
    Wenn schon ein durchgeknallter Typ so ein Durcheinander und so viel Schaden anrichten kann, dann male ich mir lieber nicht aus, was ein Kommando auslösen würde. Die Medien waren von ARD bis zu den Privaten einfach nur peinlich. So etwas schlechtes sieht man nicht so oft, selbst in der immer erbärmlicher werdenden Medienlandschaft. Die Amerikanisierung unserer TV und Radioanstalten schreitet sichtlich voran. Für die Opfer gab es nur diese Allgemeinphrasen der Politiker und interessiert hat die Medien nur die Aktion. Das Interesse für den wahnsinnigen Mörder und die aufgeblähte Berichterstattung wird kranke Nachahmer erzeugen.
    Die Krönung war im BR so ein CSU-Politiker, der den Amoklauf nutzte, um für Geheimdienste zu werben :“Wir Deutschen müssen unser schlechtes Verhältnis zu den Geheimdiensten überdenken“. Was hat das denn mit dem Amoklauf zu tun ? Wie durchschaubar ist das denn ? Hier werden Süppchen (oder Eintöpfe) gekocht und das traurige Drama für politische Ziele genutzt.
    Unvorstellbar ist das was die Eltern und Freunde der Ermordeten durchmachen müssen. Für diese gibt es keinen Trost. Ich bin so traurig.
    Gruß aus dem Vogtland
    Ronald

  3. Pingback: Untaugliche Therapie: Nicht Medikamente, Militär und markige Worte, sondern Menschlichkeit und Mitgefühl! | Franz-Josef Hanke

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